Spielen ist bei vielen Säugetieren weit verbreitet - bzw. erkennen wir es bei diesen am besten, weil wir darin unser eigenes Spiel wiedererkennen. Spielverhalten bei Tieren kann zwei Kategorien zugeordnet werden. Dem Spielen mit sich selbst (solitary play), zu dem auch das Spiel mit Gegenständen gehört (object play), oder dem sozialen Spiel. Ob Ratten allein spielen bzw. mit Objekten, lässt sich schwer feststellen. Das berühmte Spiel mit der Katzenangel, der die meisten Ratten so gerne hinterherhetzen, lässt nicht erkennen, ob die Tiere den Gegenstand als ernsthafte Möglichkeit zur Jagd und anschließender Nahrungsaufnahme betrachten, oder ihn als "sinnlos" und aus reinem Spaß am Spiel wahrnehmen.
In diesem Abschnitt geht es (zunächst!) nur um soziales Spielverhalten.

Einen umfassenderen Überblick zu Hintergründen und Funktion von Spielverhalten gibt der Artikel Rattus ludens - das Spielverhalten von Ratten

 

Spielaufforderung, spielerischer Angriff

Spielkampf

Unterschiede im Spielverhalten nach Geschlechtern

Spielverhalten bei erwachsenen Tieren

 


 

Spielaufforderung, spielerischer Angriff

(engl. play-initiation act) Häufig werden die Spielkämpfe durch wilde Luftsprünge Richtung Rücken und Nacken des Spielpartners eingeleitet, was als Spielaufforderung angesehen werden kann (vgl. Meaney, Stewart 1981, S.35). Damit ist auch der größte Unterschied des Spielkampfes zum echten Kampf beschrieben, denn während beim echten Kampf der hintere Rückenbereich des Gegners Ziel von Angriffen ist, ist es beim Spielkampf der Nackenbereich. Analysen von Spielkämpfen bei Jungtieren haben gezeigt, dass die überwiegenden Kontakte darin bestehen, den "Gegner" mit der Unterseite der Schnauze lediglich zu berühren. Manchmal wurden diese Berührungen mit fahrigen Bewegungen mit der Schnauze durch das Fell verstärkt. Falls Bisse auftreten, werden diese sanft und ohne Verletzungen ausgeführt (vgl. Pellis, Pellis 1987, S. 231). PANKSEPP et al haben herausgefunden, dass der Nackenbereich bei jungen Ratten im positiv wahrgenommenen Sinne "kitzlig" ist, was das Einlassen auf die Spielaufforderung wahrscheinlicher macht. Ratten erzeugen bei positiv empfundenen Balgereien Zwitscherlaute, die im für uns nicht hörbaren Ultraschallbereich von etwa 50kHz liegen. Dieses "Lachen", wie PANKSEPP es nannte und wofür er bei Rattenhaltern in aller Welt berühmt wurde, wurde besonders dann registriert, wenn die Tiere im Nacken "gekitzelt" wurden. Diese Kitzligkeit nimmt jedoch mit dem Alter der Tiere ab (Panksepp 2003, S.537).

 

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Spielkampf

(engl. play fight) Die Spielkämpfe beginnen bei Ratten etwa in einem Alter von 18-19 Tagen, also kurz vor der Entwöhnung von der Mutter, und erreichen die höchste Häufigkeit zwischen 30 und 40 Tagen. Bis die Tiere etwa 84 Tage alt sind, sinkt die Häufigkeit des Spielverhaltens, verschwindet aber nicht völlig (vgl. Pellis et al, 1997, S.106)

Auch Spielkämpfe bestehen aus Angriffs- und Verteidigungselementen. Angriffsziel ist der Nackenbereich, den der Angreifer versucht mit seiner Schnauze zu berühren, ggf. daran zu reiben. Der Verteidiger versucht, sich dieser Berührung zu entziehen und einen Gegenangriff zu starten, indem er seinerseits versucht, den Nacken des Anderen zu erreichen. Alle zu beobachtenden Bewegungen folgen dieser Angriffs- und Verteidigungsstrategie, den Nacken zu berühren bzw. diese Berührung zu verhindern (vgl. Pellis et al, 1997, S.106 und siehe nachfolgende Abbildung).

 

1. Die braune Ratte nähert sich der weißen Ratte von hinten in Spielabsicht.
2. Sie springt die weiße Ratte an - Ziel ist der Nackenbereich.
3. Die angegriffene Ratte versucht durch eine Drehung ihren Nackenbereich zu schützen.
4. Die braune Ratte versucht die unterlegene auf dem Rücken zu fixieren ("pinning").
5. Die weiße Ratte versucht nun ihrerseits den Nacken der braunen Ratte zu erreichen.
6. Die braune Ratte reagiert, indem sie mit ihren Hinterpfoten das Gesicht der weißen Ratte wegdrückt.
7. Die weiße Ratte versucht sich aus dem Haltegriff zu winden und drückt mit den Hinterpfoten die andere von sich weg.
8. Sie schafft es, die braune aus dem Gleichgewicht zu bringen...
9. ...windet sich heraus und greift nun ihrerseits an. Die Spielrunde beginnt von vorn.

 

Eine Spielrunde kann mehrere Sekunden dauern, bevor das Ringen stoppt und eine neue Spielrunde beginnt.

Im Prinzip sind drei Verteidigungsstrategien zu beobachten:
1. die Tiere drehen sich seitlich weg und entziehen sich so der Nackenberührung,
2. sie drehen sich auf den Rücken, oder
3. sie führen eine Teildrehung durch, indem sie nur den Vorderkörper drehen (vgl. Pellis et al, 1997, S.106).

Während Jungtiere sich bei Attacken überwiegend sofort auf den Rücken drehen, werden mit zunehmendem Alter immer häufiger nur Teildrehungen ausgeführt.

Drei Verteidigungstechniken

 

Für Anfänger in der Rattenhaltung ist es oft schwer, Spiel von Ernst zu unterscheiden. Häufig wird allein aufgrund des Alters darauf geschlossen, dass es sich bei einer Prügelei um Spielverhalten handelt. Andere wiederum sind verunsichert, wenn ihre 6 Wochen alten Jungtiere über "Tische und Bänke" toben und dabei wild quietschen. Das Alter allein ist ein unsicheres Merkmal für die Einschätzung von Spielverhalten, vor allem, wenn die Tiere älter werden. Es gibt bessere und eindeutigere Indikatoren, anhand derer man Spielkampf von echtem Kampf unterscheiden kann (siehe nachfolgende Tabelle).

 
Merkmal Spielkampf echter Kampf

Wechselseitigkeit

besiegte Tiere kehren zum Spiel zurück; Sieger und Verlierer wechseln sich ab (Wechselseitigkeit) besiegte Tiere flüchten; keine Wechselseitigkeit, d.h. Sieger und Verlierger wechseln sich nicht ab
Angriffsziel Nacken hinterer Rückenbereich
Haare glatt anliegend gesträubt
Beißen kaum echtes Beißen; überwiegend Berührung und Reiben mit der Schnauze richtiges Beißen
Laute ~50kHz (Zwitscherlaute, nicht hörber) 20kHz-Distress-Rufe (an der menschl. Hörgrenze)

 

Der meiner Meinung nach beste Hinweis auf einen Spielkampf ist, dass Sieger und Verlierer abwechseln. Dominierte Tiere kehren nach einer verlorenen Spielrunde aktiv zum Spiel zurück und es ist wahrscheinlich, dass sie in der nächsten Spielrunde die Gewinner des Ringkampfes sind (vgl. Meaney, Stewart 1981, S.36).

Da aus Spiel auch mal Ernst werden kann, kann man mitunter Verhaltensweisen beobachten, die sowohl Spaß- als auch echte Kampfelemente enthalten. Das geschieht vor allem, wenn die Tiere älter werden und die Spielhäufigkeit abnimmt. Auch missverstandenes "Anspielen" oder schlicht Unlust kann dazu führen, dass aus Spiel Ernst wird. Die in der Tabelle aufgeführen Merkmale helfen dem Halter, solche Situationen zu erkennen und richtig einzuordnen.

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Unterschiede im Spielverhalten nach Geschlechtern

Spielkämpfe werden von Männchen häufiger ausgeführt, als von Weibchen. Weibchen lassen sich auch weniger auf Anspielversuche ein, wenn sie von Weibchen ausgeführt werden. Wenn die Weibchen auf die Attacken reagieren, ist es wahrscheinlicher, dass sie sich wegducken anstatt auf den Rücken zu drehen. Weibchen können auch früher auf kommende Nackenattacken reagieren, als Männchen. Das mag daran liegen, dass Weibchen in einigen Bereichen bessere sensorische Fähigkeiten haben, vor allem was das Sehen und den Tastsinn betrifft. Das erlaubt ihnen, früher zu reagieren (vgl. Pellis et al, 1997, S.110). Mit dieser Fähigkeit können sie sich häufiger erfolgreich auf den Rücken drehen und der Nackenberührung entgegen, als es bei Männchen der Fall ist, die sich erst anfangen zu drehen, wenn der Angreifer bereits nah am Nacken ist (vgl. Pellis et al, 1997, S.109).

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Spielverhalten bei erwachsenen Tieren

Auch erwachsene Ratten führen noch Spielkämpfe aus, jedoch sehr viel seltener (Pellis et al, 1997, S.106).
In einer Gruppe von Ratten werden spielerische Attacken häufiger von rangniederen Tieren in Richtung des dominanten Tieres ausgeführt, wohingegen die rangniederen Tiere untereinander eher wenige spielerische Kontakte suchen. Ob das Alpha-Tier seinerseits mit einer spielerischen Verteidigung antwortet, scheint von bestimmten Vorlieben abzuhängen.

Solche spielerischen Kontakte im Erwachsenenalter stellen vor allem für rangniedere Tiere eine Möglichkeit dar, mit der dominanten Ratte im Rudel ein enges freundschaftliches Verhältnis aufzubauen bzw. zu halten. In freier Natur profitieren solche Tiere vermutlich durch die damit entstehende Nähe zum Alpha-Tier, indem sie besseren Zugang zu Nahrung und Weibchen erhalten (Pellis et al 1993, S. 390ff). Erstaunlicherweise konnte aber auch gezeigt werden, dass Tiere, die solche freundschaftlichen Kontakte zum Alpha-Tier mieden, höhere Chancen hatten selbst den höchsten Rang anzunehmen, wenn das ursprüngliche dominante Tier aus der Gruppe genommen wurde. Beide Strategien - freundschafliche Beziehung oder Abstand zum Alpha-Tier - sind also mögliche Wege im sozialen Leben von Ratten, die jeweils ihre Vor- und Nachteile haben (Pellis et al 1993, S. 391f).

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