Zu Konfliktsituationen und Kämpfen kommt es meist bei Integrationen, wenn das Rudel erweitert werden soll und neue Tiere an die Gruppe herangeführt werden. Aber auch bestehende Rudel sind nicht frei von Konflikten oder gar Kämpfen. Die Ausprägung der Gewalt ist aber meist nicht so stark, wie bei Kontakt mit fremden Tieren.

Man bezeichnet die Aggressionen innerhalb bestehender Gruppen als aggressives Verhalten im Rudel (within-group aggressive behavior) oder schlicht Dominanzverhalten (dominance) mit dem Ziel der Rangordnung.
Bei Kontakt mit fremden Artgenossen kann man von Resident-Intruder-Aggression sprechen (vgl. Mieczek/De Boer 2005, S.345). Die Gesamtheit aller Verhaltensweisen, die mit dem Territorium bzw. Revier in Verbindung stehen, wird als Territorialverhalten, Revierverhalten (territorial behavior) bezeichnet.

 

Haarsträuben/Fellsträuben

Zähneklappern

Schwanzwedeln, Schwanzzittern

Unterkriechen

Überkriechen

aggressives Putzen

seitliche Drohaltung

aufrechte Angriffshaltung/aufrechte Verteidigungshaltung und Boxen

Unterdrücken/Unterwerfen

Angriffssprung und Kampf

Beißen


Haarsträuben/Fellsträuben

(engl. piloerection); bei Auseinandersetzungen mit fremden Artgenossen, bei ernsthaften Rangordnungskämpfen innerhalb des Rudels aber auch bei Tieren, die in ein neues ihnen unbekanntes Gebiet kommen, kann man das Haarsträuben beobachten.
Das Haaresträuben wird vom vegetativen Nervensystem gesteuert, kann also nicht willentlich herbeigeführt werden. Es stellt einen Automatismus dar und ist Nebenprodukt der extremen physischen und psychischen Anspannung (vgl. Barnett 1963, S.87).

Muskelzellen sind mit den Haarfollikeln (Ausstülpung in der Haut in der der Haarschaft liegt) verbunden. Die Haare werden durch Muskelkontraktionen aufgestellt. In diesem Zusammenhang werden auch Duftstoffe freigesetzt, die in den Follikeln und umliegenden Talgdrüsen produziert werden. Diese Duftstoffe haben Signalwirkung und werden von dem Gegenüber entsprechend registriert und bewertet (vgl. Kiyokawa et al 2004, S.35f.)

Je nach Eskalationsstufe stellen sich entweder nur die längeren Deckhaare des Rückens kammartig auf oder die Haare in allen Körperbereichen gehen vollständig nach oben. Rattenhalter vergleichen das Aussehen gerne mit einer "Klobürste" und bezeichnen das Haarsträuben als "borsteln" oder "puscheln".

Über das Haarsträuben lassen sich einigermaßen gut spielerische von ernsthaften Kämpfen unterscheiden (siehe auch Takahashi/Lore 1983).

Das Haarsträuben kann, wenn keine Konfliktsituation oder Auseinandersetzung vorliegt, ein Zeichen für andere Stressformen sein (Schmerzen, Krankheit).

Ansicht eines Böckchens von vorn mit normal anliegenden Haaren.
Das gleiche Tier eine Stunde früher. Haarsträuben im Zuge einer Integration.
Ansicht von der Seite mit normal anliegendem Fell.
Das gleiche Tier eine Stunde früher. Haarsträuben im Zuge einer Integration.

 

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Zähneklappern

Das Zähneklappern (engl. tooth-chatter) ist recht laut und tritt in Stresssituationen auf. Zum Beispiel in Gegenwart fremder Ratten, wenn ein Kampf droht oder es bereits zu einem Kampf kam. Ratten zeigen das Verhalten auch, wenn sie sich durch einen Menschen bedroht fühlen. Es wird häufig von einem Abwehrverhalten begleitet sowie Haaresträuben.

Das Zähneklappern dient einigen Tieren als Warnsignal. So setzen es Hamster als aggressives Drohen ein (Drohwetzen) (vgl. Gattermann 2005,S.371). BARNETT diskutiert diese Möglichkeiten, kommt aber zu dem Schluss, dass das Zähneklappern bei Ratten keinerlei soziale Signalwirkung hat, sondern Symptom eines Stresszustandes ist (1963, S.86; siehe auch Kaltwasser 1990, S.230f.).

Aufgrund dieser Lehrmeinung ist die weitere Untersuchung dieses Verhaltens bei Ratten für die Erforschung von Bruxismus (Zähneknirschen) beim Menschen von wissenschaftlichem Interesse. Ebenso wie bei Ratten geht man beim Menschen davon aus, dass Bruxismus ein Zeichen negativen emotionalen Stresses ist. Im Unterschied zum Menschen sieht man bei Ratten aber auch eine dahinterliegende Funktion. So meint man, dass das Zähneklappern (zur Mehrdeutigkeit des Begriffes, siehe weiter unten) auch dem Schärfen der Zähne dient (thegosis; engl. tooth-sharpening-behaviour) (vgl. Byrd 1997, S.40f.).

Rattenhalter haben bereits oft beobachtet, dass die Zähne der Tiere auch bei weicher Kost (ältere oder kranke Tiere werden oft mit Breien oä gepäppelt) ihre normale Länge und damit auch ihre Funktionstüchtigkeit behalten. Es spricht also einiges dafür, dass sie durchaus ein Verhalten haben, welches die Zähne - vor allem die Schneidezähne - schärft. Allerdings ist hier die Fachliteratur äusserst schwach. Dieses Verhalten wurde bei anderen Nagern diskutiert, nicht jedoch bei Ratten, wo es allenfalls beiläufig erwähnt und damit als gegeben dargestellt wird. Nähere Untersuchungen fehlen.
Dem hier beschriebenen Zähneklappern bei eindeutigen Konfliktsituationen kann diese Funktion aber vermutlich nicht zugeordnet werden.

Ratten zeigen aber auch ein ähnliches Verhalten in anderen Situationen. Das "Zähneklappern" ist weniger laut und lässt sich schon auf diese Weise deutlich von diesem unterscheiden. Man kann es als Zähneknirschen (engl. tooth-grinding) oder, häufiger von Rattenhaltern verwendet, Knuspern bezeichnen. Das Knuspern kann während Erkundungsverhalten auftreten oder aber auch, wenn die Tiere entspannen.

Das Auftreten in derart unterschiedlichen Situationen sorgt nicht nur beim Halter für Verwirrung. In den wissenschaftlichen Quellen wird keine Unterscheidung zwischen Zähneklappern oder Zähneknirschen gemacht (siehe hierzu auch die Methodenbeschreibung bei Hughes 1969, S.386 oder auch Byrd 1997). Man kennt das Zähneknirschen bei Erkundungsverhalten, es wird jedoch nirgends das Verhalten in entspannten Situationen beschrieben. Das Ratten mit den Zähnen knirschen, während sie dösen oder vom Halter gekrault werden, findet keinerlei Erwähnung in der Fachliteratur.

In der Sachliteratur dagegen findet es regen Niederschlag. Hier ist Knuspern je nach Kontext Ausdruck von Angst, Schmerz, Neugier oder Wohlfühlen. Aber gerade bei Schmerz und Wohlfühlen wären mehr Erkenntnisse wichtig, andernfalls würde die richtige Interpretation reinweg vom Wunsch des Halters abhängen und regelmäßig zum positiven hin gedeutet - und damit möglicherweise falsch. Das ist gefährlich und kann auf keinen Fall der richtige Weg sein.

Ich empfehle daher thesenartig folgende Deutung:
Zähneklappern = Stress in Konfliktsituationen
Zähneknirschen = Anspannung/Spannung während Erkundungsverhalten/Exploration
Knuspern = Zähneschärfen. Dem Knuspern widmen sie sich aber nur, wenn sie Zeit und eine ruhige sichere Umgebung haben. Auslöser für das Knuspern wäre dann nicht der kraulende Mensch, sondern die Notwendigkeit des Zähneschärfens in Kombination mit der ruhigen sicheren Umgebung.

Da alle anderen Motivationen ausser negativem Stress scheinbar kein wissenschaftliches Interesse bergen, wird aus dieser Richtung vermutlich weiterhin nur wenig Erhellendes kommen.

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Schwanzzittern, Schwanzwedeln

(engl. tail rattle, tail wagging, tail swishing) reicht vom waagerechten Schlängeln des ganzen Schwanzes, zum Teil mit vertikalen schlagenden Bewegungen auf den Boden bis zum Zittern nur der Schwanzspitze. Hierbei handelt es sich um ein ambivalentes Verhalten. Ein innerer Konflikt zwischen Annäherung und Vermeidung in einer angespannten Situation, ähnlich der gestreckten Aufmerksamkeitshaltung mit kurzen Vor- und Zurückbewegungen (vgl. Silvermann 1965, S.580; siehe auch Adams/Boice 1983, S.39).
Ratten zeigen das Verhalten eher selten meist bei Begegnungen mit Artgenossen, dessen Absichten sie nicht ganz deuten können (z.B. bei Integrationen).

Rattenhalter lösen das Verhalten manchmal aus, wenn sie die Tiere fest über Stirn und/oder Nacken/Rückenbereich entlangstreichen oder kraulen. Das Schwanzzittern wird auch ausgelöst, wenn man den Kopf der Tiere von vorne mit der gehöhlten Hand abdeckt, ggf. gleichzeitig den Nackenbereich krault. Das Schwanzzittern/-wedeln wird dann oft als Wohlfühlverhalten fehlgedeutet, da sich die Tiere der Prozedur nicht entziehen. Tatsächlich sind die Tiere aber (deutlich) verunsichtert und zeigen zwischen Bleiben und Vermeiden dieses Verhalten. In der wiss. Fachliteratur wird das Schwanzwedeln oder -zittern nicht als Wohlfühlverhalten beschrieben. Bei Nagern wird es überwiegend im Zusammenhang mit Drohverhalten oder Bedrohungsgefühlen beschrieben. Offenbar führt die eigene gute Absicht in Kombination mit dem Bild des schwanzwedelnden Hundes dazu, dass dieses Verhalten bei Ratten außerhalb der Wissenschaft so oft falsch gedeutet wird.

Der Halter tut gut daran, sein Tier nicht weiter dieser angespannten Situation auszusetzen und diese Art der "Zuwendung" sein zu lassen. Sanftes Streicheln und Kraulen mit ein bis zwei Fingern hinter den Ohren oder am seitlichen Kopfbereich (Wangen) wird von den Ratten deutlich genossen (d.h. sie legen sich hin, strecken den Kopf und drücken sich gegen die kraulenden Fingerspitzen) und führt nie zum Schwanzzittern."

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Unterkriechen

(engl. crawling under) Beim Unterkriechen drückt sich ein Tier mit dem Kopf an die Flanke oder unter den Kopf des anderen und kriecht unter den Bauch oder die Brust. Das andere Tier kann dabei sogar etwas angehoben werden. Oft kommt es nicht zum vollständigen Unterkriechen. Dann hält die Ratte lediglich ihren Kopf an die Flanke oder unter den Kopf des anderen und verharrt in dieser Position. Das so unterkrochene Tier verharrt oft, begibt sich in eine leicht aufrechte Verteidigungshaltung und/oder springt weg. Manchmal putzt es den Unterkriechenden leicht im Nacken.
Dieses Verhalten tritt bei Auseinandersetzungen zwischen zwei Tieren auf, überwiegend bei Integrationen und damit bei Tieren, die neu in die Gruppe kommen.

Das Verhalten kann sowohl der Neuzugang als auch das alteingesessene Tier zeigen. Es kann häufiger bei ausgewachsenen Männchen, aber auch bei Jungtieren während des Spiels beobachtet werden (vgl. Barnett 1963, S.76f.).
Die Bedeutung des Verhaltens ist unklar. Es wurde überlegt, ob es sich um Dominanz und Unterwerfung handelt (siehe Grant 1963, S.275). Andere gehen davon aus, dass es sich beim Unterkriechen um eine freundliche Kontaktaufnahme handelt, um einen drohende Kampf zu vermeiden, wobei es wiederum auch Hinweise geben würde, nach denen das Unterkriechen den Kampfbeginn erleichten soll (vgl.Miczek/DeBoer/Sietse 2005, S.346).

Wie man sieht, ist die Bedeutung dieses Verhaltens also mehr als unklar. Nach meinen und den Beobachtungen von anderen Rattenhaltern geht das Unterkriechen oder das versuchte Unterkriechen jedoch immer von Tieren aus, die dominant sind oder -bei ersten Begegnungen während einer Integration- sich für dominant halten. Was sie jedoch von dem unterkrochenen Tier erwarten, ist unklar. Nach meinen Beobachtungen versuchen sich die unterkrochenen Tiere zu entfernen. Verharren sie in einer leicht aufrechten Verteidigungshaltung, ist es wahrscheinlich, dass das unterkriechende Tier sich langsam parallel zum anderen stellt und sich zu einer seitlichen Drohhaltung positioniert. Ein Angriff ist dann wahrscheinlich.
Selten konnte ich aber auch eine Entschärfung der Situation beobachten, in dem das unterkrochene Tier den anderen leicht geputzt hat.

Der dominante graue Bock unterkriecht den rangniederen schwarzen von vorne. Dabei geht er sehr niedrig über den Boden. Der schwarze Bock versteift sich und wird sich kurz darauf abwenden und wegspringen.
Nochmal eine ähnliche Situation mit den gleichen Tieren, diesmal etwas aggressiver. Der graue lässt eine leichte Seitwärtsbewegung erkennen und setzt damit zum seitlichen Angriff an. Der schwarze zielt mit seiner Schnauze auf die des grauen Bocks, um sich nach Möglichkeit mit einem Defensivbiss zu wehren. Er wartet aber keinen seitlichen Angriff ab sondern springt wieder weg.

 

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Überkriechen

(engl. crawl-over, crawling over) Ein Tier kriecht oder steigt über ein anderes und hinterlässt dabei oft Urintröpchen (markieren).
Es wird als Dominanzverhalten gewertet, bei dem die dominate Ratte überkriecht. In Konfliktsituationen tritt es eher am Ende einer Begegnung auf als am Anfang. Häufig folgt danach aggressives Putzen, Rückzug oder weiteres Schnüffeln (siehe Grant 1963, S.275 und Sales 1972, S.91).

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aggressives Putzen

(engl. aggressive grooming) Das dominante Tier putzt das unterlegene mit schnellen kurzen Bewegungen, üblicherweise im Nackenbereich (hat das dominante Tier das unterlegene auf den Rücken geworfen, wird dieses auch an der Flanke geputzt). Im Rattenhalterlatein bezeichnet man dies auch als "Zwangsputzen".
Dabei wird nicht einfach nur über das Fell geleckt. Zeitlupenaufnahmen haben gezeigt, dass beim aggressiven Nackenputzen die Hautfalten zwischen die Zähne genommen werden, während das unterlegene Tier in einer zusammengekauerten Position verharrt. Eine schnelle Fluchtbewegung des unterlegenen Tieres kann dann einen Biss seitens des putzenden Tieres auslösen (vgl. Miczek/DeBoer/Sietse 2005, S.346).
Beobachtet man aggressives Putzen bei Integrationen, ist das keine gefahrlose Situation. Hier hat sich bei mir einmal eine unterlegene Ratte für plötzliche Flucht entschieden, was mit einer Bisswunde quittiert wurde. Ich musste die Wunde im Nacken vom Tierarzt tackern lassen.
Die nachfolgenden Bilder zeigen den Zwangsputz in völlig unterschiedlichen Kontexten und Ausführungen - bitte die Bildunterschriften beachten.

Aggressives Putzen bei einer Integration. Die zwei jüngeren weiblichen Black Hoodeds wurden zur älteren agouti-farbenen integriert, die in geduckter Haltung das Putzen über sich ergehen lässt.
Spielerischer Zwangsputz zwischen zwei jungen Brüdern - keine ernsthafte Auseinandersetzung.
Gegenseitiges Putzen (Allogrooming) zweier Böcke ohne Aggression. Man beachte die entspannte Beinhaltung des 'Unterlegenen'.

 

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seitliche Drohhaltung/seitlicher Angriff

(engl. sideways threat posture/lateral attack) Hierbei sind die Beine gestreckt, der Kopf wird weit unten gehalten und der Rücken ist stark gebogen, häufig sind die Haare gesträubt (siehe auch Takahashi, Blanchard 1982, S.51). In dieser Haltung trippelt die Ratte in kurzen, steif wirkenden Schritten um den Gegner und präsentiert die Flanke. Sehr defensive Tiere erstarren bei einer derartigen Konfrontation und verharren in geduckter Haltung (vgl. Miezek, De Boer 2005, S.346) . Bei gleichstarken Tieren kann auch der Gegner diese Drohhaltung einnehmen und beide Tiere drängeln sich gegenseitig im Kreis. Dabei versuchen sie entweder einen Angriffsbiss in den hinteren Rückenbereich zu platzieren (vlg. auch den Abschnitt Beissen weiter unten), oder das gegnerische Tier auf den Rücken zu werfen. Versucht das unterlegene Tier zu fliehen, löst das meist eine Verfolgungsjagd aus.
Die seitliche Drohhaltung ist das Verhaltenselement einer Sequenz, die mit hoher Wahrscheinlichkeit folgenden Reihenfolge hat: Verfolgung/Annäherung > seitliche Drohhaltung > Angriffsbiss (siehe Miezek, Weerts et al. 1992, S.554).

Die gesträubte braunweiße Ratte hat sich in seitlicher Drohhaltung der weißen genähert, die daraufhin in die aufrechte Verteidigungshaltung gegangen ist. Von oben kaum zu erkennen, versucht die braune, ihre Kontrahentin mit einem seitlichen Tritt (side kick) aus dem Gleichgewicht zu bringen um einen Vorteil zu erlangen.
Hochgestellte Hinterbeine, gekrümmter Rücken und tief gehaltener Kopf - wunderbar zu erkennende seitliche Drohhaltung.
Der graue Husky-Bock drückt im Vorbeigehen und in Drohhaltung den braunweißen gegen die Wand.

 

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aufrechte Angriffshaltung/aufrechte Verteidigungshaltung und Boxen

(engl. upright attack/ upright defense/ mutual upright posture/ boxing). Das Ziel bei einem Kampf ist das Beißen des Gegners oder ihn auf den Rücken zu werfen und zu unterwerfen. Je nach Taktik des Angreifers wird dieser unterschiedlich auf die Abwehrmaßnahmen des Angegriffenen reagieren (siehe auch Pellis, Pellis 2005, S. 299ff).
Oft entschließt sich das angegriffene Tier aufgrund der seitlichen Drohhaltung des Angreifers und das damit verbundene Drängeln und Einkreisen, in die (halb-)aufrechte Verteidigungshaltung zu gehen. Es stellt sich auf die Hinterpfoten und wendet seinen Kopf permanent dem des Gegners zu und verfolgt so jede Bewegung. Auf diese Weise hat es die Möglichkeit, schnell zu reagieren und sich mit Bissen in das Gesicht des Angreifers, was eine ganz typische defensive Attacke darstellt, zu verteidigen.
Wenn der Angreifer keine Möglichkeit sieht, seinen Gegner aus dem Gleichgewicht zu werfen oder zu beißen, ohne selbst einen Biss in das Gesicht zu riskieren, wird er evtl. ebenfalls in die aufrechte (Angriffs-)haltung wechseln. Beide Tiere stehen sich dann in aufrechter Position gegenüber. Dabei wird jede Bewegung des anderen gespiegelt. Vor allem mit der Schnauze wird jeder Bewegung des Gegenübers gefolgt, um selbst keinen Biss in selbige zu riskieren. Häufig wird diese Haltung von Pfotenhieben oder gar gegenseitigem Festhalten am Fell des anderen begleitet (vgl.Miczek, De Boer 2005, S.346f). Aufgrund des Bildes bezeichnet man das Verhalten auch als Boxen.
Es kann passieren, dass sich beide Tiere derart unsicher ob ihres weiteren Vorgehens sind, dass sie in der aufrechten Haltung regelrecht zu Statuen erstarren und scheinbar ewig in dieser Position verharren. In dieser Situation erfahren die Tiere enormen Stress, alle Sinne werde extrem gefordert und die Nerven sind förmlich "bis zum Zerreißen gespannt". Bei Integrationen ist es sinnvoll zu versuchen, die Situation nach 1-2 Minuten sanft zu lösen und die Tiere zu trennen.

Zwei Rattenmädchen rangeln in aufrechter Haltung.
Nur nicht das Gleichgewicht verlieren.

 

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Unterdrücken/Unterwerfen

(engl. aggressive posture 'on-top', submissive supine posture 'on-back'/ pinning) Beim Unterwerfern wirft sich ein Tier über das andere und fixiert es (pinning). Die Haltung der Tiere zueinander kann einen rechten Winkel einnehmen, aber auch parallel verlaufen (siehe Bild 2). Durch die Rückenlage schützt das unterlegene Tier Rücken- und Nackenbereich, welches das häufigste Ziel für Bisse ist(vgl. Miczek, De Boer 2005, S.347f). In der Position können die Tiere einige Zeit verharren, wobei das untere regelrecht erstarrt, um keine weitere Attacke zu provozieren. Diese Erstarrung kann auch anhalten, wenn das überlegene Tier sich bereits entfernt (vgl. Barnett 1968, S.81). Oft versucht das überlegene Tier in einer Art Zwangsputz weiterhin Rücken- und Nackenbereich zu erreichen (vgl. Miczek, De Boer 2005, S.348).

Die dunkle Ratten unterwirft die helle. Diese stemmt ihre Hintepfoten gegen das überlegene Tier, verharrt ansonsten ruhig. Je stärker sie sich wehrt, desto aggressiver reagiert das überlegene Tier. Das Zwangsputzen kann mit schweren Bisswunden enden.
Für das überlegene Tier eine ziemlich instabile Position. Es wird versuchen, sich in den rechten Winkel zur unterlegenen Ratte zu drehen, um sie besser zu fixieren. Dabei riskiert sie aber, dass sich das unterlegene Tier aus der Position befreien kann.
Eine schwierige Lage für die schwarz-weiße Dame in der Mitte. Sie hat die weiße Ratte zwar unterworfen, aber nur halb fixiert. Sie muss den dunklen Kastraten neben sich im Auge behalten, der sie bedroht.

 

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Angriffssprung und Kampf

(engl. attack jump, lunge, attack leap /fight) Bei hohem Aggressionspotenzial springt der Angreifer auf seinen Gegner. Sehr aggressive Tiere gehen auf diese Weise bei Kontakt mit einem fremden Tier unmittelbar zum Angriff über. Der Angriffssprung kann aber auch durch eine Fluchtbewegung des anderen Tieres ausgelöst werden oder eingesetzt werden, um eine festgefahrenen Situation doch für sich zu entscheiden. Das andere Tier wird versuchen zu fliehen oder sich gegen den Angriff wehren (vgl. Miczek, De Boer 2005, S.346f).
Bei einem Kampf verwickeln sich die Tiere regelrecht ineinander. Was genau passiert, kann man aufgrund der sehr hohen Geschwindigkeit nicht gut erkennen. Beide Tiere springen, beißen und treten wild mit ihren Hinterbeinen. Derartige Kämpfe sind ebenso heftig wie kurz. Auf die Kampfrunden folgt ein Abschnitt, indem die desorientierten Tiere zunächst beide eine defensive Haltung einnehmen oder sich nur leicht boxend gegenüber stehen (vgl. Barnett 1963, S. 86f).

Ein durch eine schnelle Fluchtbewegung ausgelöster Angriffssprung.

 

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Beißen (Angriffsbiss/Verteidigungsbiss)

(engl.: attack, offensive bite/ defensive bite, defensive attack pattern) Wildlebende Ratten kommen selten in die unglückliche Lage längerer Auseinandersetzungen, die ausgefeilte Kampftechniken erfordern und bei denen das Risiko von Bisswunden erheblich steigt. Zusammenstöße werden schlicht und einfach mit der Flucht eines Tieres beendet. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Forscher bei Freilandbeobachtungen das Beschreibungsfeld für Kämpfe wegen fehlender Beobachtung solcher Situationen leer lassen (vgl. Takashi/Blanchard 1982, S.62).

Bei unseren Farbratten sieht das etwas anders aus. Durch notwendige Integrationen und das Leben in der menschlichen Behausung müssen sie sich ihren Gegenübern stellen und entwickeln häufig ausgefeilte Kampftechniken. Diese Auseinandersetzungen bringen das Risiko von Biss- oder durch die Zähne zugefügte Rißwunden mit sich.
Ein möglicher Auslöser für einen Angriff, und damit auch für Bisse, sind schnelle Bewegungen des anderen Tieres, zum Beispiel Flucht (vgl. Miczek/De Boer 2005, S.346). Erhöhtes Risiko für Bisse besteht auch bei Kampfstellungen wie seitlicher Angriff/boxen (ein Tier greift in seitlicher Haltung an während sich das andere Tier halbaufrecht boxend verteidigt) und beim auf den Rücken werfen (ein Tier wird auf den Rücken geworfen und durch das andere von oben fixiert) (vgl. Takashi/Blanchard 1982, S.55).
Grundsätzlich können alle Körperregionen Ziel von Bissen sein, allerdings gibt es einige Körperregionen, die besonders häufig betroffen sind. Angreifende Ratten versuchen überwiegend den hinteren Rückenbereich ihres Gegners zu erreichen. Aus diesem Grund entwickelten sich Verteidigungsstrategien, um diesen Bereich zu schützen und Angriffstrategien, um diesen Bereich zu erreichen (engl. "back-attack" und "back-defense"). Die Verteidigungsstrategie um den Rücken zu schützen erfolgt derart, dass das angegriffene Tier versucht, den Gegner in Kopf oder Schnauze zu beißen (vgl. Blanchard et al 1984, S. 309 und Takashi/Blanchard 1982, S.49).
Auch wenn kein Angriff erfolgt, kann man Tiere dabei beobachten, wie sie zu dem potenziellen Angreifer gehen und versuchen, ihn mit Bissen Richtung Kopf und Schnauze auf Abstand zu halten. Diese Bisse sind charakteristisch für verletzte, verängstigte oder defensive Tiere (vgl. Takashi/Blanchard 1982, S.60). Die unterschiedlichen Ziele von Angriffs- und Verteidigungsbissen lassen also Rückschlüsse über die Hierarchie in der Gruppe zu, und welches der Tiere dominant ist und welches eher verängstigt und damit defensiv.

Tipp: versucht eure Tiere bei Integrationen oder Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe hinsichtlich Angriffs- und Verteidigungsverhalten genau zu beobachten. Versetzt euch in die Lage des jeweiligen Tieres - wie würdet ihr in der jeweiligen Situation handeln, um den Rückenbereich zu erreichen oder diesen zu schützen? Das schult das Auge, ihr versteht die einzelnen Bewegungen während einer Auseinandersetzung besser und erlangt ein tieferes Verständnis für das Verhalten eurer Tiere. Sogar Fehlentscheidungen oder ungeschicktes Verhalten der Tiere sind dann erkennbar. Das wichtigste aber: ihr bekommt ein Gefühl dafür, wann eine Situation ernsthaft zu eskalieren droht und könnt gezielter eingreifen.

Die beiden schwarzen Böckchen befinden sich in Verteidigungs- bzw. Abwehrhaltung. Sie drohen mit einem Abwehrbiss in Richtung des Kopfes/der Schnauze des dominanten braunen Bocks. Dieser weiß um das Risiko und versucht beiden seine Flanke bzw. seinen hinteren Rückenbereich zuzudrehen.
Das schwarze Böckchen links befindet sich in Verteidigungshaltung und ist bereit, dem dominanten Bock rechts in das Gesicht bzw. die Schnauze zu beissen. Gleichzeitig schreit er den überlegenen an. Der braune Bock befindet sich hier in einer ungünstigen Lage, versucht aber dennoch seine Flanke in Richtung des unterlegenen Bocks zu drehen (auf dem Foto ist die Bewegung nicht sichtbar).

 

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