Rattus rattus: die Hausratte als Haustier?

Ich bin bestimmt sehr weit davon entfernt, jeden heimischen oder exotischen Kleinsäuger in die Heimtierhaltung packen zu wollen. Vielleicht hat sich der ein oder andere aber auch schonmal gefragt, warum die Wanderratte (Rattus norvegicus) domestiziert wurde und in die Heimtierhaltung Einzug hielt, die viel länger in Europa beheimatete Hausratte (Rattus rattus) aber nicht?

Die Hausratte ist in Europa schon seit dem Mittelalter heimisch. Während die Wanderratte erst im 18. Jahrhundert hier eintraf und es nur 100 Jahre später bereits zahme Exemplare in verschiedenen Farbvarianten existierten, scheint sich bei der Hausratte die Heimtierhaltung nicht so recht entwickelt zu haben.

Versuche, sie zu domestizieren, hat es allerdings gegeben.

In dem Buch "The Proper Care of Fancy Rats" von Nick Mays befindet sich eine fast 90 Jahre alte Fotografie aus dem Magazin Fur&Feather von 1922 (!). Diese Abbildung zeigt neben einer schwarz-weißen Farbratte (Rattus norvegicus) auch eine Black eyed white Hausratte (Rattus rattus) (Mays 1993, S.52).
Der Züchter war H.C. Brooke, Mitglied des damaligen britischen National Mouse and Rat Club. Er schaffte es, von diesen Tieren Black Eyed White, Fawn und sogar grünliche Tiere zu züchten. Sie waren allerdings nie so populär wie die Norweger (Mays 1993, S.59). In den Wirren des Zweiten Weltkrieges verschwanden diese Zuchtlinien.

In den 1980er -90er Jahren gab es in Großbritannien einen erneuten Versuch, Hausratten zu züchten. Da Hausratten dort wie auch in Deutschland selten geworden sind, konnte man keine Tiere aus freier Wildbahn entnehmen. Man nahm gefangene Exemplare der Schädlingsbekämpfungsfirma Rentokill. Verhaltens- und Fortpflanzungsprobleme ließen diesen Versuch jedoch scheitern (Jordan).

Heutzutage gelangen allenfalls in Not geratene Wildfänge - meist Welpen - in die Hände privater Tierhalter. Im Internet lassen sich zwei Berichte finden, die die Haltung von wild gefangenen Rattus rattus in neuerer Zeit beschreiben. Demnach handelt es sich wohl auch bei Handaufzuchten um sehr wilde Individuen, die allenfalls nur für ausgesprochen professionelle Kleintierhalter geeignet sind (Jordan; CavyRescue):

"Als Wildtier ist die Aggression bei Hausratten weitaus stärker als bei Farbratten. Bei Böcken äußert sich das meist in einer ausgeprägten Dominanz (zBsp. übermäßiges Testosteron) . Im Alter werden sie für gewöhnlich etwas ruhiger, aber jeder, der ein undomestiziertes Tier halten will, muss mit Aggressionen umgehen können. (...)"

"Aggressive Hausratten haben die fiese Angewohnheit, dich verträumt anzuschauen als ob sie kein Wässerchen trüben könnten und dich dann plötzlich, ohne Vorwahnung und mit schrecklichem Geschrei, wie aus der Pistole geschossen anspringen. (...)
Für Leute mit einem schwachen Herzen sind sie vermutlich nicht die geeigneten Tiere" (Jordan).

Aus welchen Gründen auch immer die Zuchtlinien der Hausratte in Vergessenheit geraten sind (zu wild? Zucht in Gefangenschaft schwieriger?), Wildtiere haben in der Heimtierhaltung nichts zu suchen. Vielmehr sollte man die wenig übriggebliebenen Habitate schützen, damit dieser hier selten gewordene Nager in unserer Region nicht völlig ausstirbt.

Quellen:
Mays, N. (1993): The Proper Care of Fancy Rats.
Jordan, C. M.: Hello Sailor. http://members.madasafish.com/~cj_whitehound/Rats_Nest/Ship_Rats/Menu.htm (letzter Zugriff: 28.05.2011)
www.cavyrescue.co.uk.: Living with a ship rat. http://www.cavyrescue.co.uk/living-with-a-ship-rat/ (letzter Zugriff: 28.05.2011)

 

Zurück zur Artikelübersicht