Die drei Bilder der Ratte

Die Wanderratte (Rattus norvegicus) erreichte Anfang des 18. Jahrhunderts Europa. Die Weltenbummlerin benötigte nicht lange, um Anhänger und Feinde zu finden. Offenbar dient sie wunderbar als Projektionsfläche für die verschiedensten Geisteshaltungen.

EDELMANN beschreibt in einem Artikel der Anthropology Today die dreifache Identität der Ratte. Sie wird gehasst, geliebt und emotionslos verwendet - sie ist Ungeziefer, Heimtier und Versuchstier. Die Entstehung aller drei Repräsentationen lassen sich auf das England des 19. Jahrhunderts zurückführen (vlg. Edelmann 2002, S.4).

In der Tat war England zu dieser Zeit ein Brennpunkt moderner Entwicklungen.
Vor 1800 lebten nur etwa 2-3 % der weltweit etwa 900.000 Millionen Menschen in Städten. Im Jahr 2000 waren es etwa 45 % - von über 6 Milliarden! (vgl. Gaebe 2004, S.20). Dazwischen passierte das, was Soziologen als die größte Binnenwanderung der Geschichte bezeichnen - eine neue Völkerwanderung (vgl. Häussermann;Siebel 2004, S.21). Die Landflucht und die gesellschaftlichen Umwälzungen der Industrialisierung führten zu katastrophalen Lebensverhältnissen der armen Bevölkerung in den Städten.
Im London des 19. Jahrhunderts kollidierte die erbärmliche Armut mit dem Leben wohlhabender Bürger auf engstem Raum.

"der offene Schlamm am Grunde der Slums war durchtränkt mit Fäkalien und Krankheiten; die gepflasterten Höhen der Vororte waren mit Brunnen versehen und blühender Gesundheit"
(Stallybrass;White 2004, S.194 - eigene Übersetzung).

Es entstand eine neue Wahrnehmung des oben und unten, reich und arm, sauber und schmutzig: MAYHEW beschreibt eine Frau, die wie "ein Bündel Lumpen und Dreck ausgestreckt auf schmutzigem Stroh" an einem Ort liegt, der "nach Dreck stinkt und verseucht von Krankheiten" ist. Ein Ort "von dem sich scheinbar alle Ausgestoßenen der Stadt angezogen fühlen."
Das ist der Kern. Der "Dreck" fühlt sich von Dreck angezogen - wie Schweine von Schlamm. Hier kommt unweigerlich die Verknüpfung zum Tier, und zwar "soweit, dass die Armen mit Begriffen der "bestiality" [Rohheit, Unvernunft, Tierheit (!), Brutalität] beschrieben werden, während sich das bürgerliche Subjekt als neutraler Beobachter dieser selbstverschuldeten (!) Herabsetzung positioniert" (Stallybrass;White 2004, S.198 - eigene Übersetzung).

Diese Geisteshaltung, die metaphorische Gleichsetzung des Pöbels, der Armen, der Ungewollten mit Tieren, ist folgenschwer:

"Wenn einmal die metaphorische Beziehung geknüpft ist [Mensch wie Tier], kann sie auch umgekehrt werden. Wenn die Iren wie Tiere sind, sind Tiere wie Iren. Einer der Kanalarbeiter, der mit Mayhew sprach, erzählte, dass die Kanäle (welche irische Arbeiter bauten) voll von Ratten sind, kämpfend und quiekend...wie ein Haufen besoffener Iren'".
(Stallybrass;White 2004, S.198 - eigene Übersetzung).

Nach diese Denkart zieht es die Armen in die Gosse - umgekehrt kommt alles Übel aus der Gosse. STALLYBRASS und WHITE schreiben weiter:

"Wie sehr auch die Slums abgeschottet waren, sie waren es nicht genug. Wenn sich die Münder der Armen öffneten um die Reinheit des bürgerlichen Raums zu verpesten (zur Jahrhundertwende wurden 44 % der armen Glasgower Kinder als "mouth-breather" bezeichnet [Anm.md: "Mundatmer", kann durch Krankheiten hervorgerufen werden; durch das Aussehen wird es allerdings mit Idiot, Schwachkopf, Trottel gleichgesetzt]), öffneten sich in der bürgerlichen Vorstellung (...) die Slums und entließen Diebe, Mörder, Prostituierte und Krankheiten - tollwütigen Hunde, die die Menschheit zerstören könnten."
(Stallybrass;White 2004, S. 199 - eigene Übesetzung).

Aufgrund der Lebensweise von Rattus norvegicus, die in Erdbauen lebt, Kanäle als Wanderwege und den dortigen Abfall als Nahrungquelle nutzt, wurde sie wie keine andere Spezies zu einem Sinnbild für Krankheit, Schmutz und Elend - auch heute noch, auch für Rattenhalter.

"Die viktorianische Trennung zwischen oben und unten, sauber und verschmutzt, akzeptiert und verstoßen war gleichzeitig eine Hierarchie der Abscheu, die Klassen formte, Körperregionen, Stadtlandschaften, Verhaltensweisen und Geschmäcker. In dieser Zeit wandelte sich die Ratte, abstoßendes Ungeziefer und Bewohner der verpesteten Unterwelt, in ein scheußliches menschenfressendes Monster, ein Dämon der Dunkelheit der, wie alle Bösartigkeit und Sünde, in der Finsternis lauert und nur darauf wartet, das Reine und Unschuldige anzugreifen."
(Edelmann 2001, S.8)

Es ist eine Binsenweisheit, dass Ratten nicht mehr Krankheiten übertragen, als andere Kleinsäuger, dass sie kein aggressiveres Verhalten zeigen, als andere Kleinsäuger. Der übersteigerte und realitätsferne Ekel vor ihr lässt sich auf diese Zeit zurückführen.

Die deutsche Chronik dieser Entwicklung verrät ein Blick in Lexikoneinträge (vgl. Abb. "Die drei Bilder der Ratte"; vgl. auch Artikel "Die Ratte als Ekeltier").
In Herders Conversations-Lexikon von 1854 gibt es zu Ratten noch einen recht kurzen Eintrag. Die Hausratte wird als "gefräßig, wild und muthig" beschrieben, die Wanderratte im folgenden Abschnitt als "noch gefräßiger u. bösartiger als die vorige". Grundsätzlich sind alle Mäuse (Ratten wurden der Gattung mus zugeordnet) "gefräßig u. dadurch dem Haushalt höchst schädliche Thiere" (Herder 1854, Bd. 4, S. 128).

In Pierer's Universal-Lexikon wird der Hausratte bescheinigt, dass sie Menschen angreift und den Schweinen das Fett aus dem Leib frisst. Zur Wanderratte heisst es: "(...)noch schädlicher als jene [Hausratte], geht zwar nicht in die obern Stockwerke der Häuser, unterwühlt dagegen Schwellen, ja ganze Gebäude, setzt sich gegen Menschen u. Thiere zur Wehre (...) wandert zuweilen in großen Schaaren,(...)" (Pierer 1861,Bd. 13, S. 839).

In Meyers Großem Konversations-Lexikon von 1905 sind die Rollen dann völlig vertauscht. Die Hausratte wird erst an zweiter Stelle nach der Wanderratte beschrieben und nunmehr nur zu ihrer Herkunft und Verbreitung etwas geschrieben. Die Hausratte erhält sogar Mitleid, da sie von der Wanderratte "unbarmherzig [...] niedergemacht" werde. Der Wanderratte werden nun alle grausigen Attribute zugeschrieben. Jetzt frisst sie den Schweinen Löcher in den Bauch und kleine Kinder an (Meyer 1905, Bd16, S. 620).

[Anm.md: es mag ein Zufall sein, dass hier so häufig von Schweinen die Rede ist. Allerdings findet man in den oberen Quellen Beschreibungen, nachdem scheinbar vor allem Iren bei ihrer Land-Stadt Wanderung ihre Schweine mitbrachten und zusammen mit ihnen ihr Quartier teilten. Es lässt sich spekulieren, ob es in deutschen Städten ähnliche Verhältnisse gab oder ob diese Einträge schlicht aus dem Englischen übernommen wurden.]

Dass die Ratte heute als Heimtier gehalten wird, findet ihren Ursprung ebenfalls in dieser Zeit - ausgerechnet durch die bürgerliche Gesellschaft. So erzählt Jack Black, der als "Rattenfänger seiner Majestät" in die Geschichtsbücher einging, in Henry Mayhews "London Labour and the London Poor" von 1851:

"Ich habe die beste Sammlung an farbigen Ratten gezüchtet, die die Welt kennt. Ich hatte über elfhundert von ihnen - alles buntgemischte Ratten, verschiedene Arten und Farben. Alle stammen von den Norwegern ab und den weißen Ratten (...).
Sie sind sehr zahm geworden und du konntest alles mit ihnen anstellen. Viele habe ich an Damen verkauft, die sie in Eichhörnchenkäfigen hielten."
(Mayhew 1851, S.20).

1901 wurde auf Anregung von Mary Douglas der englische "National Mouse Club" für Rattenhalter geöffnet (vgl. Mays 1993, S.54; siehe Abbildung "Die drei Bilder der Ratte").

Die drei Bilder der Ratte
Quellen: *Zisser 1935, S. 201; **Krinke 2000, S.5; Rest siehe Abb.; Darstellung:Rattenkultur Achtung! Diese Abbildung wird aufgrund schlechter Lesbarkeit neu erstellt!

 

Abb.: Die drei Bilder der Ratte
Darstellung: md;
Datengrundlage: *Zisser 1935, S. 201; **Krinke 2000, S.5; Rest siehe Abb.

Am Ende bleibt die Überlegung, ob sich an dem Image der Ratte etwas geändert hat oder ändern wird. EDELMANN sieht es so und schreibt abschließend:

"Schädlingsbekämpfer reden vom ökologischen Gleichgewicht und entschuldigen sich, bevor sie töten. Labormitarbeiter sehen Ratten als menschliche Modelle - über den genetischen Bereich hinaus, und Rattenhalter betrachten ihre Ratten als Tiere mit ebensolchen Bedürfnissen und nicht mehr als Dekorationsobjekte, Spielzeuge oder Imageverstärker.

Aber die, die maßgeblich die Fahne des kleinen Nagers hochhalten, sind diejenigen Besitzer von Heimtierratten, die nicht bei der Menschenähnlichkeit oder ökologischen Rechtfertigungen halt machen. Sie haben bereits die Käfigtüren geöffnet, lassen die Ratten frei in das Wohnzimmer und rufen: "Ratten sind auch Menschen!".
(Edelmann 2002, S.8).


Quellen:

Edelmann, Brigitta (2002): 'Rats are people, too!'. Rat-human relations re-rated. In: Anthropology Today, H. Vol.18 No.3, S. 3-8.

Gaebe, Wolfgang (2004): Urbane Räume. Stuttgart

Häussermann, Hartmut; Siebel, Walter (2004): Stadtsoziologie. Frankfurt

Mayhew, Henry (1851): London Labour and the London Poor. Vol.3. London

Mays, Nick (1993): The Proper Care of Fancy Rats. TFH Publications Inc

Krinke, Georg J. (2000): The laboratory rat. San Diego

Stallybrass, Peter; White, Allon (2004): The city: the sewer, the gaze and the contaminating touch. In: Jenks, Chris (Hrsg.):Urban Culture. Critical Concepts in Literary and Cultural., S. 193-212

Zisser, Hans (1935): Rats, Lice, and History. London S.201

 

 

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