Die Ratte als Ekeltier

Auf der Suche nach dem Ekelfaktor habe ich bis zu 150 Jahre alte Lexikoneinträge durchforstet.

Als Rattenhalter muss man damit rechnen, dass das Hobby bei einigen Mitmenschen auf Ablehnung stößt. Ratten haben einen schlechten Ruf und bei einem großen Teil der Bevölkerung lösen sie Ekelgefühle aus. Sie sehen ekelhaft aus, sind schmutzig, beißwütig und gefährliche Krankheitsüberträger.
Wenn man sich überlegt, dass diese Menschen vermutlich eher selten bzw. noch nie näheren Kontakt zu wildlebenden Ratten hatten, fragt man sich, wie diese Ablehnung derartig fundamental in das kollektive Gedächtnis Einzug halten konnte. Das ekelhafte Aussehen (meist bezogen auf den Schwanz) liegt im Auge des Betrachters und wenn jemand das so empfindet, ist das in Ordnung - über Geschmack lässt sich nicht streiten. Alle anderen Kriterien könnten - so sie überhaupt stimmen - auch auf zahllose andere Tierarten zutreffen. Aber keines unserer heimischen Tiere (sei es die Maus, der Feldhamster, Wiesel oder Wolf) löst derartige Abscheu aus.
Das Ängste sich über Generationen halten können, sogar wenn die Tiere schon vor langer Zeit ausgerottet wurden, zeigt die Diskussion über die Wiederansiedlung des Wolfes in Deutschland.

Welche Geschichten erzählt man sich von Ratten und gibt sie an die nächste Generation weiter? Einen spannenden Einblick liefern alte Lexikoneinträge. So kann man in Herders Conversations-Lexikon von 1856 zur Gattung Maus, zu der die Ratten damals gezählt wurden, lesen:

(...)sehr fruchtbare, gefräßige u. dadurch dem menschlichen Haushalt höchst schädliche Thiere(...)[die Hausratte] (...) sehr gefräßig, wild und muthig, (...).(...) die Wanderratte (...) noch gefräßiger u. bösartiger als die [Hausratte].

Während die Hausmaus zwar als Schädling beschrieben wird, wird die Hausratte zusätzlich als wild - die Wanderratte sogar noch als bösartig charakterisiert. Pierers Universal-Lexikon von 1861 notiert zur Haus- und Wanderratte:

Hausratte (...) thut noch mehr Schaden, als die Maus, beißt fetten Schweinen Ohren u. Schwanz ab, frißt ihnen auch Fett aus dem Leibe, greift sogar, wenn sie gereizt wird, Menschen an (...)
Wanderratte (...) ist aber durch Gefräßigkeit (welche keinen vegetabilischen u. animalischen Gegenstand verschmäht) noch schädlicher als jene [die Hauratte], geht zwar nicht in die obern Stockwerke der Häuser, unterwühlt dagegen Schwellen, ja ganze Gebäude, setzt sich gegen Menschen u. Thiere zur Wehre, hat sehr scharfen Geruch; wandert zuweilen in großen Schaaren(...)

Als reine Tier-Enzyklopädie ist Brehms Tierleben legendär, auch und vor allem wegen Brehms Wortwahl. Ich kann nur jedem empfehlen, in den mittlerweile auch online verfügbaren Texten zu schmökern. Folgender Auszug stammt von 1876:

Die Hausratte (...) der Bischof von Autun verhängt, anfangs des fünfzehnten Jahrhunderts, den Kirchenbann über sie; in Sondershausen setzt man ihretwegen einen Buß- und Bettag an

Die Wanderratte (...) Glaubwürdige Beobachter versichern, daß sie noch gegenwärtig zuweilen in Scharen von einem Orte zum anderen zieht. "Mein Schwager", schreibt mir Dr. Helms, "traf einmal an einem frühen Herbstmorgen im Vördenschen einen solchen wandernden Zug, den er auf mehrere tausend Stück schätzen mußte." In der Lebensweise, in den Sitten und Gewohnheiten, im Vorkommen u. a. stimmen beide Ratten so sehr überein, daß man die eine schildert, indem man die andere beschreibt. (...)
Die eine wie die andere Art dieses Ungeziefers bewohnt alle nur möglichen Räumlichkeiten der menschlichen Wohnungen und alle nur denkbaren Orte, welche Nahrung versprechen. Vom Keller an bis zum Dachboden hinauf, vom Prunkzimmer an bis zum Abtritt, vom Palast an bis zur Hütte, überall sind sie zu finden. An den unsaubersten Orten nisten sie sich ebenso gern ein als da, wo sie sich erst durch ihren eigenen Schmutz einen zusagenden Wohnort schaffen müssen. (...)
Es sind verbürgte Beispiele bekannt, dass sie kleine Kinder bei lebendigem Leibe angefressen haben, und jeder größere Gutsbesitzer hat erfahren, wie arg sie seinen Hofthieren nachstellen. Sehr fetten Schweinen fressen sie Löcher in den Leib, dicht zusammengeschichteten Gänsen die Schwimmhäute zwischen den Zehen weg, junge Enten ziehen sie ins Wasser und ersäufen sie dort, dem Thierhändler Hagenbeck tödteten sie drei junge afrikanische Elefanten, indem sie diesen gewaltigen Thieren die Fußsohlen zernagten.

In Meyers großem Konversationslexikon von 1908 ist zu lesen:

Die Wanderratte(...)klettert und schwimmt sehr gut, erwürgt junge Gänse, Enten und Küchelchen, junge Kaninchen, Tauben, mitunter sogar alte Hühner; sie frißt fetten Schweinen und brütenden Truthennen Löcher in den Leib, und auch kleine Kinder frißt sie an; an Getreide, Kartoffeln, Obst etc. richtet sie in Kellern und Kammern den empfindlichsten Schaden an.(...)

Die Hausratte (...) kommt aber überall mehr vereinzelt vor und weicht mehrfach der Wanderratte, der sie in ihrem Wesen sehr ähnlich ist (...)

Der bei weitem schlimmste von mir gefundene Eintrag bezüglich Ratten ist aber folgender:

Wenn das Wort "Ratte" in fast allen Sprachen der Menschheit zum Inbegriff von etwas Abscheulichem geworden ist, dann liegt das wohl weniger an der Hausratte als an der größeren, gedrungeneren Wanderratte (Rattus norvegicus). Das vorliegende Buch hat sich zur Aufgabe gestellt, Liebe und Achtung seinen Lesern der Tierwelt gegenüber zu fördern und dem Naturschutz das Wort zu reden. In bezug auf Ratten, besonders auf die Wanderratte, gilt das nicht! Zwar wird es der Menschheit kaum gelingen, diese Nager auszurotten, aber sie darf nie ruhen, diese löbliche Absicht so weit wie nur möglich in die Tat umzusetzen.

Das Zitat stammt aus dem Lexikon Urania Tierreich und ist aus dem Jahr 2000 ... Ich erspare mir an dieser Stelle Gedanken darüber, was diese Aussage der Autoren über ihre Sichtweise auf unser Ökosystem verrät. Kein anderer "Schädling" erhält in diesem Lexikon auch nur ein annährend ähnliches Urteil.

Das Urteil, welches wir in Grzimeks Tierleben (2000; Bd.11) finden ist differenzierter. So wird es zwar als wichtig empfunden, die Nagerpopulation aufgrund der Nahrungskonkurrenz einzudämmen, weist aber darauf hin, dass sie als Nahrungsquelle eine "sehr bedeutende Rolle im biologischen Gleichgewicht der Natur" spielt. Schließlich wird in blumigen Worten zu bedenken gegeben, dass wir ohne die Erkenntnisse aus der Labortierforschung "nicht aus dem dumpfen Dasein ergebener Schicksalsgläubigkeit herausgewachsen wären."
Und wieder erfahren wir:

Sie [die Wanderratte] (...) nagt junge Schafe und Ferkel an (...). Erwachsenen Schweinen kann sie große Stücke aus der Speckschicht ..... .

Weiteres Zitieren erübrigt sich, wir kennen nun den Refrain.
Hier scheint ein Autor vom anderen abgeschrieben zu haben - und das seit mindestens 150 Jahren.

Diese Beobachtungen wären für den deutschsprachigen Raum (für diesen wurden die Bücher ja geschrieben) vermutlich auch heute noch aktuell, würden wir unsere Abfälle und Fäkalien weiterhin auf der Straße entsorgen, unsere Behausungen immernoch überwiegend aus Holz und Lehm bauen, unsere Vorräte in Stoff und Papiersäcke packen, Nutztiere bis zur Bewegungslosigkeit anbinden und mästen ("fette Schweine"/"dicht zusammengeschichtete Gänse") und unsere Säuglinge ebenfalls bis zur Bewegungslosigkeit einwickeln, wie es zum Teil noch bis ins 20. Jahrhundert üblich war.

Stattdessen werden seit mindestens 150 Jahren Gruselgeschichten unreflektiert in Lexika widergegeben, ohne sie im Kontext unserer heutigen Lebenswirklichkeit zu prüfen. Bauliche Veränderungen unserer Städte und die veränderte Nutztier- und Vorratshaltung werden völlig ausser Acht gelassen.
Bei solchen Darstellungen kann es nicht verwundern, wenn die Ratte auch heute noch Ekel und Angst erregt. Darf man die älteren Einträge noch mit einem Schmunzeln als interessante Spiegelung der Lebensumstände seit der Frühen Neuzeit betrachten, kann man nur hoffen, dass sich bei den aktuellen Lexika die Leser von den alten Medien ab- und sich den neuen Medien zuwenden.

Quellen:
Brehms Tierleben (1876)
Grzimeks Tierleben (2000) Bd.11
Herders Conversations-Lexikon (1856) Bd.4
Meyers Großes Konversations-Lexikon (1908) Bd.16, 6.Aufl.
Pierers Universal-Lexikon (1861) Bd.13, 4.Aufl.
Urania Tierreich (2000) Bd.Säugetiere

 

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