Die Integration/Vergesellschaftung von Ratten

Detaillierte Anleitung der möglichen Abläufe von Integrationen mit ausführlichen Verhaltensbeschreibungen. Der Artikel ist für Halter interessant, die sich über die Hintergründe von Integrationsabläufen informieren möchten oder bei denen Probleme bei der Vergesellschaftung von Ratten auftreten.

 

Inhaltsverzeichnis:

Einige Überlegungen vorweg

Prolog

1. Schritt: der neutrale Auslauf

2. Schritt: der gemeinsame Auslauf

3. Schritt: der gemeinsame Käfig

Zur Gesamtdauer einer Integration

Wenn die Integration misslingt


 

Einige Überlegungen vorweg

Bei Integrationen werden fremde Tiere einem bestehenden Verband eingegliedert. Wenn wir uns das kurz von der Ferne betrachten, ist das eigentlich ein ungeheuerliches Ansinnen. In der Natur ist es undenkbar, dass Familie Wolf oder Löwe mal eben fremde Tiere einladen, mit ihnen zu leben. Unsere domestizierten Ratten sind aber nicht Natur und in der Rattenhaltung bestehen Rudel nicht aus gewachsenen Familienverbänden, sie sind echte Patchwork-Familien. Dennoch kann man nicht einfach fremde Tiere dazusetzen.

 

 

Ratten sind Individuen mit Vorlieben und Abneigungen. Sie hegen Sympathien und Antipathien. Zwischen ihnen muss die Chemie stimmen und manchmal können sich einzelne Ratten "einfach nicht riechen". In dieser Hinsicht sollte man die kleinen Knopfaugen also auf keinen Fall unterschätzen - was das betrifft, sind sie exakt genauso unkompliziert oder kompliziert wie Menschen.
Wir müssen also alle Register ziehen und dabei sind wir nichts geringeres als "Verkuppler". Das Ziel ist es, Freundschaften zu stiften und wir müssen ihnen dabei helfen, den oder die anderen zu akzeptieren, besser noch, wirklich zu mögen. Das braucht Zeit und nichts ist für eine Integration hinderlicher als die Ungeduld des Halters. Um es deutlich zu sagen: bei Integrationen geht es nicht um dich und deine Zeitpläne, sondern einzig und allein um deine Tiere. Integrationen können frustrierend sein. Wenn sich ewig keine Besserung abzeichnet und scheinbar keinerlei Fortschritte zu erkennen sind, muss man Geduld beweisen. Du kannst die schlechte Laune an deinem Lebensgefährten auslassen, deine Arbeitskollegen mit deinem mürrischen Gesicht "beglücken", du kannst auch Nachts leise in dein Kopfkissen weinen. Aber während der Integrationszeit bist du der nepalesische Bootsführer auf dem Kali Gandaki-Fluß, der die frierende Touristengruppe lachend und singend durch den Gewittersturm führt. Du bist das Kabinenpersonal, das beruhigend auf die verängstigten Passagiere einer von allen Höllenhunden geschüttelten Boeing einwirkt. Du bist das Orchester auf der sinkenden Titanic. Stehen die Haare in der richtigen Richtung? Gut, dann kann's jetzt losgehen :D

 

Prolog

Für den hier dargestellten Integrationsablauf, für die aufgezeigten möglichen Fallstricke und für die Tricks und Kniffe ist es völlig unerheblich, wie viele Tiere welchen Geschlechts miteinander integriert werden. Er gilt für zwei genauso wie für vier Tiere oder mehr, für männliche Rudel genauso wie für weibliche oder Kastraten.
Wichtig ist:

  • natürlich nur gleichgeschlechtliche Tiere miteinander integrieren; Kombination mit Kastraten erlaubt
  • die Tiere dürfen keine akuten Erkrankungen haben. Grundsätzlich sollte auf eine "Quarantänezeit" (in Gänsefüsschen, weil sich die Quarantäne in der eigene Wohnung kaum fachlich richtig durchführen lässt) geachtet werden. (Das hat auch den Vorteil, dass die Neuen sich an dich gewöhnen können und du sie besser kennenlernst. Das kann für die folgende Integration praktisch sein, ist aber keine zwingende Voraussetzung. Kommen die Tiere aus sicherer Quelle, kann man direkt loslegen.)
  • unter 10-12 Wochen alte Rattenkinder dürfen nicht zu älteren Tieren integriert werden! Allein der optische Größenvergleich zeigt: jüngere Tiere sind kräftemäßig schlicht nicht in der Lage, sich ausreichend gegen Angriffe zu wehren. Dadurch kommt es immer wieder zu Todesfällen. Auch ansonsten gutmütige Alttiere haben schon ohne viele Umstände Jungtiere getötet - das geht blitzschnell und ein Eingreifen ist unmöglich. Verwandtschaftsverhältnisse spielen da keine Rolle und auch Welpenschutz gibt es nicht.

Noch ein Hinweis: bei großen Gruppen ist es unnötig, zunächst nur einzelne Tiere miteinander bekannt zu machen. Es kann aber dabei helfen, die "Sichtweisen" der eigenen und fremden Tiere kurz einzuschätzen. Dabei muss einkalkuliert werden, dass sich Tiere einzeln oft anders verhalten als in einer Gruppe. Das Ziel ist allerdings, dass alle zusammen leben. Selektives Zusammensetzen sollte also nur eine Ausnahme sein - die reguläre Integration soll regelmäßig durchgeführt werden, und zwar mit allen Ratten, die später auch in einen Käfig einziehen sollen.

 

1. Schritt: der neutrale Auslauf

Neutraler Auslauf heißt, dass keine Partei das Gebiet bereits kennt und Markierungen hinterlassen hat. Das soll Aggressionen verhindern, die aufgrund der natürlichen Revierverteidigung entstehen.
Dieser Auslauf sollte kleiner sein als der übliche, um jederzeit schnelles Eingreifen durch den Halter zu ermöglichen. Oft wird dazu ein Flur, ein kleines Bad oder die Badewanne genutzt. Auch Tische und Betten sind schon zum Einsatz gekommen. Eine Absperrung aus Hartfaser-Platten - der sog. "Klappauslauf" - eignet sich ebenfalls hervorragend.

 

 

Zuvor passiert aber, gewollt oder zwangsläufig, schon so einiges. Die Neuankömmlinge sind bereits in deine Wohnung gezogen und stehen entweder im selben Raum, wie das alteingesessene Rudel, oder in einem anderen Raum. Sollte aus Platzgründen nur ersteres möglich sein, sollten die Käfige soweit wie möglich voneinander entfernt stehen. Die Tiere dürfen sich nicht gegenseitig durch das Gitter erreichen und sollten jenseits des (zugegebenermaßen sehr schlechten) Sichtfeldes stehen. Einige Tiere geraten regelrecht in Rage, wenn sie andere Ratten vor der Nase rumhüpfen sehen und nicht ran können. Verhaltensweisen sind zum Beispiel permanentes am Gitter aufrichten, Haare aufstellen, "Pusten"/Schnaufen, Schmieren und Trampeln (beides um zu markieren).

Eine mögliche Geruchsgewöhnung ist übrigens kein Grund, die Käfige direkt nebeneinander zu stellen. Die Tiere riechen schließlich die Anwesenheit anderer Ratten auch dann, wenn beide Parteien in verschiedenen Räumen stehen. Spätestens wenn man die eine Gruppe knuddelt und danach zur anderen geht, lässt sich das Geheimnis nicht mehr verstecken - aufgeregtes Schnüffeln an der Kleidung entlarvt die Anwesenheit des jeweils anderen. Einige beobachten das Schnüffeln mit Argusaugen. Stellen sich dabei die Haare nicht auf, ist das ein gutes Zeichen. Sollte das Tier anfangen zu Borsteln - denkt an den nepalesischen Bootsführer ;)

Ihr könnt vor der ersten richtigen Begegnung Streu tauschen oder die Tiere abwechselnd (!) im bekannten Auslauf der Alttiere laufen lassen. Dabei darf es auf keinen Fall passieren, dass sich die Tiere dort begegnen! Auch dürfen die Ratten unter keinen Umständen an den Käfig der jeweils anderen gelangen! Sollte das nicht umsetzbar sein, dann bitte auf diesen Schritt verzichten. Abgebissene Fingerglieder sind sonst vorprogrammiert.
Unbedingt notwendig ist dies alles nicht. Zudem hat es leider nicht unbedingt (postitiven) Einfluss auf den Ausgang der ersten richtigen Begegnung. Waren die Tiere bisher lässig angesichts des fremden Geruches, kann doch umgehend eine zünftige Prügelei bei der ersten Begegnung entstehen...oder umgekehrt. Tiere die sich bei dem bloßen Geruch wie Berserker aufgeführt haben, können bei der ersten richtigen Begegnung ganz ruhig und kleinlaut werden. Ratten können nämlich durchaus einschätzen, ob "nur" ein Geruch da ist, der zunächst nicht bedrohlich ist, oder ob zu dem Geruch auch ein potenziell gefährliches Tier anwesend ist. Dementsprechend unterschiedlich sind die Reaktionen.

Ob man zunächst mit Streutausch/abwechselndem Auslauf beginnt oder gleich im neutralen Auslauf startet, ist eine intuitive Entscheidung, die von den Erfahrungswerten und den Tieren bzw. deren Charakter abhängt. Ich beginne üblicherweise sofort mit der Integration im neutralen Auslauf. Streutausch oder abwechselnden Auslauf nutze ich nie zum Einstieg in die Integration, weil es bereits vor der ersten echten Kontaktaufnahme unnötige Aggressionen aufbauen kann (nicht muss).

Im Folgenden habe ich alle Elemente aufgelistet, die das Verhalten der Tiere beeinflussen und mit denen man eine Integration in die gewünschte Richtung lenken kann. Lasst euch aber nicht verunsichern - ich gehe bei den Beispielen vom worst-case-Szenario aus. Üblicherweise müsst ihr nicht derart tief in die Trick-Kiste greifen.

 

Ort und Raumgröße

Eure Ortswahl wird zunächst von folgenden Überlegungen abhängen: ihr benötigt einen neutralen Raum (d.h. keine Partei hatte vorher Gelegenheit, ihn kennenzulernen und durch Markierung in Besitz zu nehmen) und müsst schnell eingreifen können. Aufgrund des schnellen Eingreifens werdet ihr nicht in eurem 140qm Wohnzimmer integrieren, sondern einen kleineren Raum wählen. Die Tiere versuchen in der Regel zunächst, das unbekannte Gebiet zu "sichern". Sie erkunden den Raum, und sind so oft erst einmal von den unbekannten Ratten abgelenkt.
Aus den Ergebnissen dieser Raumerkundung leiten Ratten übrigens auch für sich die Chancen und Risiken hinsichtlich Flucht und Angriff ab. Große Räume mit vielen Versteck- und damit Fluchtmöglichkeiten machen die Tiere mutiger und ggf. sogar angriffslustiger. Das ist aber nicht unbedingt das, was wir bei einer Integration möchten.
Je kleiner ein Raum ist, desto geringer sind die Fluchtmöglichkeiten. Die Tiere wissen das und passen ihr Kampfverhalten an. Grundsätzlich sind eigentlich beide Parteien daran interessiert, keine Verletzungen davonzutragen.

Bemerkt ihr Panik bei den Tieren, wenn ihr sie in den neutralen Auslauf setzt (sofortiges permanentes Hochspringen an der Auslaufbegrenzung ohne vorheriges/weiteres Erkundungsverhalten) und Angst (Erstarren), müsst ihr für eure Integration einen anderen Ort wählen. Badewannen haben ein für Ratten unbekanntes und manchmal angsteinflößendes Raumkonzept - so ganz ohne Ecken und Kanten und nach oben hin offen.
Bei relativ robusten und eher aggressiven Mädels oder Böcken kann man diesen Umstand nutzen, um sie zunächst zum Erkundungsverhalten zu bewegen (damit sie erst im zweiten Schritt auf den anderen los gehen...*hihi-Rattenhalterhumor*). Mädchen springen üblicherweise ohne Probleme raus, Jungs sind da oft etwas bequemer.

Gehen sich die Tiere beständig aus dem Weg und/oder sitzen die Integrationszeit einfach aus, könnt ihr die Raumgröße (durch Absperrungen oä) verkleinern oder einen anderen Ort wählen. Wahrscheinlich habt ihr aber mehr Erfolg für mehr Bewegung und Interaktion zu sorgen, wenn ihr die Integrationsfläche vergrößert, denn ...

...wird eine bestimmte Größe unterschritten, kann das dazu führen, dass jegliches Verhalten unterbunden wird. Ratten passen -wie oben schon erläutert- ihr Verhalten den gegebenen Fluchtmöglichkeiten an. Wenn diese wegen eines zu kleinen Raumes in keinster Weise gegeben sind, werden sie immobil, setzen sich hin und bewegen sich möglichst wenig, um Konflikte zu meiden. Das sieht von aussen gut aus, es gibt aber zwei große Probleme: die Tiere erleiden wahnsinnige Angst und enormen Stress in solchen Situationen und sie interagieren überhaupt nicht. Bemerkt ihr, dass die Tiere nach einer Verkleinerung des Integrationsraumes nicht mehr herumlaufen, muss der Auslaufbereich dringend wieder vergrößert werden!

Ich nutze in dieser ersten Phase (= neutraler Auslauf) ausschließlich einen in der Größe variabel aufstellbaren Klappauslauf. So habe ich volle Flexibilität je nach Gruppengröße, Charakter der Tiere und Integrationsfortschritt. Vor dem 2. Schritt (= gemeinsamer/bekannter Auslauf), sollten sich die Ratten in einem maximal großen neutralen Auslauf aneinander gewöhnt haben.

 

Tageszeit

Schlagt ihr morgens die Augen auf und zerspringt förmlich vor guter Laune oder werdet ihr abends erst so richtig aktiv? Den Ratten kann es da ganz ähnlich gehen. Es kann also sinnvoll sein, die abendlichen Integrationstreffen auf die Morgenstunden zu verlegen oder umgekehrt, da die Verhaltensweisen mit der Tageszeit unter Umständen erheblich variieren. Es lohnt sich, dies einfach mal auszuprobieren. Man muss bedenken, dass für Ratten morgens auch die Zeit ist, bevor sie sich über den Tag zurückziehen und längere Schlafphasen als in der Nacht haben. Nach ihrem Biorhythmus ist unser Morgen also der eigentliche Abend für Ratten.

Ob morgens oder abends, zu ihrer Kernschlafenszeit am Tag darf man sie für Integrationstreffen natürlich nicht heranziehen. Integrationen sollten in den natürlichen Aktivitätsphasen stattfinden. Alles andere würde gegen ihren Biorhythmus laufen. Und dies sorgt, wir kennen es von uns, für schlechte Laune bei Stimmung und Immunsystem.

 

Eingreifen

Grundsätzlich ist es so, dass ihr vor allem in den ersten Tagen der Integration offene Kämpfe im Vorfeld ganz zu verhindern versucht, und erst im weiteren Verlauf mehr und mehr direkte Konflikte und schließlich auch offene Kämpfe zulasst. Die wichtigste Frage lautet hier: wie erkenne ich, wann ich eingreifen soll und wie kann ich die Tiere trennen? Ist es eure erste Integration, werdet ihr möglicherweise Verhaltensweisen sehen, die euch bisher fremd waren. Bitte lest vorher genau den Abschnitt des Verhaltenskataloges "Konflikt und Kampf" durch. Dort sind alle Elemente beschrieben, inkl. kritischer Momente, bei denen ihr aufpassen müsst. Grundsätzlich solltet ihr versuchen einzugreifen, bevor es zu blutigen Verletzungen kommt, aber wiederum auch nicht zu früh, damit sich die Tiere kennenlernen können. Ernsthafte Bissverletzungen können den Fortgang der Integration unter Umständen erheblich erschweren. Die Tiere merken sich den Angreifer ganz genau und werden bei den nächsten Treffen mehr Stress und Abwehrverhalten zeigen.

Bevor also Bissverletzungen drohen, sollten die Tiere nach Möglichkeit getrennt werden. Vertraut ihr den Tieren, kann das mit der bloßen Hand geschehen. Bedenkt aber, dass auch das liebste Tier beisst, wenn es außer sich vor Angst oder Wut ist. Alternativ werden gerne dicke Lederhandschuhe benutzt. Ich nutze und empfehle immer eine Plastikkehrschaufel, mit der man schnell und zielgerichtet zunächst die Verbindung zwischen den kämpfenden Tieren unterbrechen kann, indem man sie wie eine Trennwand zwischen sie stellt.

 

 

Es gibt Tiere, die stürzen sich umgehend - ohne vorherige Raumerkundung oder sonstige Zeitverschwendung - auf ihren vermeintlichen Gegner. Das ist ganz schlecht. In diesem Fall solltet ihr euch die anderen Abschnitte zu Einflussmöglichkeiten durchlesen. Trennen müsst ihr hier sofort.

Andere beginnen mit der seitlichen Angriffshaltung zu drängeln und zu schieben. Hier könnt ihr schon mal eure Plastikschaufel in Position bringen.

Gehen beide Tiere in die aufrechte Position und beginnen zu boxen, könnt ihr das noch eine Weile beobachten. Trampelt und hüpft dabei ein Tier in die Richtung des "Gegners", um diesen zu Fall zu bringen - besser trennen.

Erstarren die Tiere zur Bewegungslosigkeit, könnt ihr euch das eine kleine Weile anschauen - dann solltet ihr aber trennen und die Integration für diesen Tag abbrechen. Die Tiere stehen bei diesem Verhalten unter extremen Stress, dem sie nicht zulange ausgesetzt sein sollten.

Beginnt eine Verfolgungsjagd - sofort dazwischen gehen. Der Jäger fühlt in diesem Fall Oberwasser und wird mit ziemlicher Sicherheit zubeißen, wenn er das gejagte Tier erreicht.

Wird ein Tier "Zwangsgeputzt" (mit auf den Rücken drehen oder sog. "Festpinnen" der unterlegenen Ratte), dürft ihr Blut und Wasser schwitzen. Entscheidet sich das zwangsgeputzte Tier urplötzlich zur Flucht, ist ein Biss vorprogrammiert ("Zwangsputzbisse" entstehen häufig im Nackenbereich. Der Putzer nimmt hierbei eine Hautfallte zwischen die Zähne. Erschrickt das so geputzte Tier und versucht zu fliehen, entstehen "Risse" bzw. klaffende Wunden). Leider wisst ihr nicht, wie sich das Tier entscheidet und Zwangsputz kann wichtig für den Fortgang der Integration sein. Also: nicht trennen...und viel Glück.

Prügeleien sind übrigens so eine Sache. Grundsätzlich sollten die Tiere schon eine Möglichkeit haben, ihre Kräfte zu messen - sie brauchen die daraus gewonnenen Erkenntnisse, um den anderen einschätzen zu können und ihr eigenes Verhalten entsprechend abzustimmen. Versucht dennoch in den ersten Tagen die Integration vor Ausbruch eines Kampfes abzubrechen. Die Tiere lernen auch auf diese Weise viel von ihrem Gegenüber. Auch ihr lernt viel über das Verhalten der Tiere. Evt. könnt ihr auch bald einschätzen, ob "nur" Fell fliegt oder ob ein echtes Risiko besteht, dass es zu blutigen Verletzungen kommt. Kämpfe sind die Quadratur des Kreises - im gewissen Rahmen notwendig, sollte es eben nicht zu Bissverletzungen kommen, die genäht oder getackert werden müssen. Ihr müsst euch da rantasten - Tier wie Mensch.

 

Mensch

Ob ihr bei der Integration im Auslauf sitzt oder nicht, kommt auf die Situation an. Ich selbst bin nie im neutralen Auslauf dabei (durch die Größe kann ich jedoch jederzeit eingreifen.) Es kann manchmal aber sinnvoll sein, sich dazusetzen. Das ist dann der Fall, wenn die Tiere sofort aufeinander los gehen - eure Anwesenheit kann in diesem Fall für Ablenkung sorgen. Im anderen Fall, wenn die Tiere sich gegenseitig überhaupt nicht beachten und die Integrationszeit in verschiedenen Ecken einfach "aussitzen", fungiert ihr als Treffpunkt.

Allerdings kann eure Anwesenheit auch dazu führen, dass die Tiere sich stärker streiten. Oder das sie reinweg nur damit beschäftigt sind, an euch hochzuklettern und sich auf diese Weise ebenfalls einer Integration entziehen. In diesem Fall müsst ihr wieder aus dem Integrationsbereich raus. Wie ihr das macht, ist eurer Kreativität überlassen. Ob ihr die Tiere in die Badewanne setzt oder euch selbst dort reinstellt und die Tiere im Bad laufen lasst (Achtung! Das geht auf Kosten der Eingriffsgeschwindigkeit) oder eine Trennwand bastelt - für alles gibt es eine Lösung.

Wenn ihr im Auslauf dabei seid und die Tiere wenig miteinander interagieren, alles etwas zäh und träge läuft, könnt ihr auch versuchen, sie zum Spielen zu animieren (Federpuschel, Snackball, oä). Vielleicht lassen sie sich darauf ein.

 

Dauer der täglichen Integrationstreffen

Bei der Integration sollen sich fremde Tiere aneinander gewöhnen und lernen, miteinander umzugehen. Bei gut sozialisierten Tieren verläuft dieser Lernprozess (und um nichts anderes handelt es sich bei Integrationen) in der Regel einfacher und schneller, Konflikte bleiben dennoch selten aus. Da Angst und Aggression das Lernen erschwert bis unmöglich macht und die Tiere nicht zu lange Stress ausgesetzt sein sollten, fängt man bei der Integration mit kurzen Treffen an und steigert die Zeit Stück für Stück. Das können zu Beginn nur 3 Minuten sein. Am Ende sollten die Tiere 2 Stunden oder mehr (bei Haltungsanfängern, die Rattenverhalten noch nicht so gut lesen können, besser 3-4 Stunden) konfliktfrei miteinander umgehen können, bevor man den nächsten Integrationsschritt wagt.
Die tägliche Integrationszeit wird nicht automatisch erhöht, sondern orientiert sich allein am Stresslevel der Tiere. Je besser die Tiere miteinander klar kommen, desto länger können die Integrationstreffen dauern.
Wie wir es von uns kennen, haben auch Ratten unterschiedliche Tagesformen, weshalb eine längere Integrationssitzung an einem Tag nicht bedeuten muss, dass der nächste Tag genauso verläuft.

Es reicht aus, wenn die Tiere einmal am Tag aufeinander treffen. Trennt sie vor allem in den ersten Tagen, bevor es zu Prügeleien kommt und/oder bevor der Stress zu groß ist oder zu lange andauert (siehe hierzu auch den Abschnitt zum Eingreifen). Es kann sein, dass ihr mit dieser Maßgabe schon seit 2 Wochen integriert und nie über 3 Minuten herausgekommen seid. Habe ich schon etwas zum Thema Geduld geschrieben...?

 

Gegenstände/Leckerlies

Gegenstände sollten eigentlich gar nicht im neutralen Auslauf auftauchen. Durch Hütten oä können wütende Tiere andere in die Ecke drängen, und haben so einen Kampfvorteil, den sie möglicherweise auch nutzen.
Vorsicht bei (zusammengelegten) Decken: verkriecht sich dort ein Tier, hat es keine Chance, wenn ein aggressives Tier folgt. Kämpfen die Ratten unter der Decke, hat man keinen direkten Zugriff, um sie zu trennen. Man sollte sicherheitshalber auf Decken verzichten. (Bei kalten Badewannen oder Fliesenböden eignen sich schwerere Matten/Teppiche).

Integriert ihr kleinere Tiere (aber nicht unter 10-12 Wochen!) zu ausgewachsenen und werden die Kleinen beständig verfolgt, könnt ihr in den ersten Tagen eine Art "Fluchtkammer" nutzen. Das sind meist Hütten mit kleinen Zugängen, in die die Großen nicht gelangen können. Das bringt möglicherweise etwas Ruhe in die Integration, wenn die Größeren dann gelangweilt abdrehen. Das funktioniert aber nur bei Größenunterschieden. Haben die größeren Tiere nur die geringste Chance, sich weit genug in die Hütte hineinstrecken zu können, sind sie sogar gefährlich - die Kleinen werden in die Ecke gedrängt und möglicherweise gebissen.
Werden die Kleinen dauerhaft von den Großen in solchen Hütten eingesperrt (indem sie sich davor legen oder die Kleinen sofort wieder dort reinscheuchen), machen diese Hütten auf lange Sicht wenig Sinn.

Leckerlies können dagegen gut genutzt werden, um sich ausweichende Tiere näher zueinander zu bringen oder eine aggressive Grundstimmung zu entschärfen. Hier kann man eine Schüssel mit (Baby-)Brei aufstellen. Wichtig ist, dass sie das Essen nicht wegschleppen können, sondern an der Schüssel fressen müssen. Leitet man die Integration mit gemeinsamen Leckerlie-Fressen ein, besteht die Möglichkeit, die Tiere positiv auf die Situation zu konditionieren. Oft dauert der Burgfrieden aber auch nur so lange, wie es Zeit benötigt, den Brei zu fressen.
Reagieren die Ratten angesichts des Breis noch aggressiver, muss darauf umgehend verzichtet werden.

 

Duftstoffe

Das Verhalten eurer Tiere bei der Integration ist das Ergebnis eines "Geruchschecks". Unsere Nasentiere riechen Alter, Geschlecht, Ernährung, Gesundheitszustand, Fitness und Stimmungen an ihren Artgenossen (und Gurkenschälern ;). Ein Info-Pool, für den wir völlig blind sind. Aus Rattensicht ist Mensch da wirklich behindert. Sie entscheiden vor dem Hintergrund dieser Informationen, wie sie weiter mit den fremden Tieren vorgehen wollen und können. Rechnen sich Chancen und Risiken aus.

Die Welt der Duftstoffe und ihre Wirkung bleibt uns verschlossen. Kommt bitte nicht auf die Idee, die Tiere einzuparfümieren. Die chemischen Substanzen werden über die Haut und beim Putzen aufgenommen und können viel Schaden anrichten (Gift).
Ihr dürft versuchen, die Tiere mit dem Streu aus der Kloecke des jeweils anderen abzureiben. Das sorgt möglicherweise erstmal für Verwirrung. Einen "Rudelgeruch" habt ihr damit aber nicht fabriziert und Ratten lassen sich kein unbekanntes Tier für ein bekanntes verkaufen. Bei solchen unbeholfenen Versuchen, sich die Welt der Duftstoffe zu nutze zu machen, sind wir Menschen wie 3-jährige Kinder, die ihre Krakelbilder als Fotorealismus verkaufen wollen. Ich bin sicher, dass Ratten sich über unsere unbeholfenen Versuche totlachen oder uns wahlweise auch schwer bemitleiden.

 

Das Ende des ersten Integrationsschrittes

Möglicherweise klappt der erste Integrationsschritt im neutralen Auslauf ohne viel Zutun nach einigen Tagen wunderbar. Achtung! Einige Tiere fangen erst am zweiten oder dritten Tag an, miteinander zu kämpfen. Der neutrale Auslauf sollte also auch, wenn es zwei Tage super läuft, mindestens 1 Woche durchgeführt werden.
Die Tiere nehmen vorsichtig Kontakt zueinander auf, es gibt kleinere Auseinandersetzungen aber irgendwann fangen sie an, gemeinsam zu dösen oder ohne Aggressionsverhalten miteinander zu interagieren. Die Interaktion ist wichtig, denn es gibt auch "Experten" unter den Nasen, die sich der Integration schlichtweg durch Schlafen (in getrennten Ecken) entziehen. Das hilft bei der Integration aber leider nicht und der Halter sollte in solchen Fällen etwas Bewegung reinbringen, zum Beispiel durch neue Gegenstände, etwas zu essen oder er selbst setzt sich dazu. Das muss man einfach ausprobieren.

eine Ratte wird Zwangsgeputzt

Noch etwas: einige Halter beschwören ihre Tiere regelrecht, sich doch endlich zu unterwerfen. Unter Umständen könnt ihr darauf lange warten. Ich habe Integrationen mit Erfolg beendet, und nie eine Unterwerfung gesehen. Ratten verfügen über (für uns) sehr subtile Methoden, miteinander "Dinge" zu klären. Weibchenrudel sind weniger hierarchisch aufgebaut, als Böckchenrudel. Aber auch bei letzteren gibt es Männerfreundschaften, die ohne solche plumpen Zurschaustellungen von Überlegenheit auskommen - wirklich wahr.

 

2. Schritt: der gemeinsame Auslauf

Gemeinsamer Auslauf ist etwas unglücklich ausgedrückt. Damit ist der Auslauf gemeint, in dem die Tiere später ihren regulären Freigang haben. Oft ist das der, den die Alttiere schon kennen und nutzen. Dies ist ihr Revier und sie werden ihn auch entsprechend verteidigen. War im neutralen Auslauf noch alles ruhig, kann sich das nun stark ändern. Ihr solltet auch hier zunächst alles, was Streit provozieren könnte (Futter, Wasser) oder jemanden in Bedrängnis bringen könnte (Hütten, Decken,...), entfernen. Im Laufe der Integration könnt ihr den Auslauf dann wieder Stück für Stück mit den Gegenständen bestücken, mit denen er vorher ausgestattet war (Häuschen, Spiel- und Kletterkram). Grundsätzlich könnt ihr auch hier Elemente nutzen um das Verhalten zu beeinflussen, die ich im ersten Teil schon beschrieben habe. Wenn die Käfige im Auslauf stehen, achtet darauf, dass die Türen verschlossen sind und keine Partei dort hinein kann. Der Schritt in den Käfig kommt nicht ohne Grund als letzter: hier ist die Revierverteidigung und damit das Aggressionspotenzial am stärksten ausgeprägt.
Ist dieser Integrationsteil zu stressig und hängt enorm viel Aggression in der Luft, müsst ihr wieder zurück auf Los - also die Integration wieder in den neutralen Auslauf verlagern. Habe ich schon etwas zum Thema Geduld geschrieben...?

 

3. Schritt: der gemeinsame Käfig

Wenn alles soweit im gemeinsamen Auslauf gut lief, könnt ihr den dritten und letzten Integrationsschritt wagen - das gemeinsame Wohnen im gemeinsamen Käfig. Habt ihr einen für beide Parteien völlig neuen Käfig, ist das die beste Voraussetzung.

Normalerweise werdet ihr aber einen nutzen, den ein Rudel bereits kennt. Ihr solltet den Käfig zunächst so gut wie möglich reinigen. Solltet ihr allerdings glauben, dass die Tiere ihren Käfig durch den fehlenden Rudelgeruch nicht mehr wiedererkennen, habt ihr euch mächtig geirrt. Unsere halbblinden Knopfaugen können sich neben Gerüchen nichts so gut merken, wie Raumabmessungen. Sie speichern Wege, Gänge, Höhen und Größen ab wie kein anderes Tier. Jedes Maß kennen sie aus dem Eff-Eff. Steht unverhofft etwas in ihren "Rennbahnen", laufen sie möglicherweise einfach dagegen. Aus dem Grund können sich auch blinde Tiere mühelos in ihrem Revier bewegen.
Hinzu kommt: der Käfig ist die Rattenburg. Ein heiliger Ort, sicheres Rückzugsgebiet und Zentrum totaler Entspannung (Zumindest sollte es so sein. Respektiert das und verhaltet euch "im Käfig" entsprechend). Die Revierverteidigung ist hier am stärksten ausgeprägt. Werden die neuen Ratten noch einigermaßen im Auslauf geduldet, kann das im Käfig wieder ganz anders aussehen. Wenn im gereinigten Käfig Kämpfe und Hetzjagden ausbrechen - könnt ihr zurück auf Los und wieder zu Schritt zwei gehen - oder Trick 17 ausprobieren: verändert den Käfig derartig, dass die Tiere ihn nicht wiedererkennen. Nehmt Ebenen raus, verändert den Standort der Häuschen, nehmt Hängematten raus und legt neue Gegenstände rein. Ihr könnt ihn auch bis auf die Häuschen total räumen (Häuser müssen sein!).
Zudem scheinen Ratten auch innerhalb ihres Käfigs Zonen unterschiedlicher "Wichtigkeit" zu haben, die Territorialkämpfe verstärken oder abschwächen. Oft sind die weiter oben gelegenen Ebenen wichtiger, als die unteren, weshalb es empfehlenswert ist, zunächst nur die unteren Ebenen zur Verfügung zu stellen. Ihr könnt in den nächsten Tagen den Käfig wieder Schritt für Schritt - ruhig Zeit lassen, es hetzt euch keiner - freigeben und in seinen ursprünglichen Zustand bringen. Beobachtet dabei das Verhalten der neuen WG genau. Bei Schwierigkeiten, einfach noch 1-2 Tage warten.

 

Zur Gesamtdauer einer Integration

Wie lange die Integration insgesamt dauert, hängt von viele Faktoren ab. Hauptsächlich von den Charaktereigenschaften der Tiere und dem Integrationsgeschick des Halters. Grundsätzlich schadet es den Tieren nicht, länger als vielleicht notwendig integriert zu werden. Umgekehrt ist es jedoch sehr problematisch, die Tiere vorzeitig in den gemeinsamen Käfig zu setzen.

Vor allem Anfänger sollten sich bewusst mehr Zeit lassen. Es ist auch sehr zu empfehlen, in den Rattenforen nach Integrationshelfern vor Ort zu fragen, die bei einigen Treffen dabei sind und Tipps zu den Verhaltensweisen geben können.
Eine normal bis gut verlaufende Integration dauert etwa 3 Wochen, etwa 1 Woche pro Integrationsschritt. Diese "Mindestintegrationszeit" sollte auch nicht unterschritten werden.
Wird es komplizierter, können Integrationszeiten von 3 Monaten oder mehr erreicht werden.

 

Wenn die Integration misslingt

Es kann vorkommen, dass alle Bemühungen umsonst sind. Dabei reicht es schon, wenn sich in einem der Rudel auch nur ein "Quertreiber" befindet. Funktionieren beide zu integrierende Rudel in sich gut, kommt bloß nicht auf die Idee, dieses Tier aus seiner Gruppe zu nehmen, zu isolieren, und die übrigen Tiere zu integrieren. Das ist im höchsten Maße unsozial und zeigt, dass man von dem Rudeltier Ratte noch nichts verstanden hat.

Ihr solltet den Neuankömmlingen - auch wenn es schwer fällt, weil man sie bereits ins Herz geschlossen hat - ein anderes schönes Zuhause suchen. Scheitert eine Integration, heißt das nämlich nicht, dass das Tier oder die Tiere unintegrierbar wären. Häufig stimmt dann einfach die Chemie nicht und die Integration funktioniert mit einer anderen Gruppe ohne Probleme.

Stellt sich bei einer Bock-Integration heraus, dass ein Männchen extrem aggressiv ist und über hohes Gewaltpotenzial verfügt, kann man über eine Kastration nachdenken. In diesem Stadium der Überlegung solltet ihr euch vorher allerdings im Rattenforum über Chancen zu Verhaltensänderungen (die nach einer Kastration nicht automatisch gegeben sind) und (OP-)Risiken genau informieren. Kastrationen können tödlich enden und sollten nicht leichtfertig entschieden werden.
Nicht zuletzt besteht dort auch die Möglichkeit, in gute Hände weiterzuvermitteln.

 

zurück zur Artikelübersicht