Die Rangordnung bei Ratten

Rattenrudel können vielfältige Rangordnungsmuster ausbilden. Im Artikel wird erläutert, welche das sind und welche Unterschiede es zwischen den Geschlechtern gibt.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Allgemeines zu Gruppentieren

Dominanzhierarchien bei Ratten

Zusammenfassung


Einleitung

In welcher Beziehung stehen die eigenen Ratten in ihrem Rudel zueinander? Hat sich eine Rangordnung entwickelt oder vielleicht auch keine? Woran kann man diese erkennen?
Früher oder später stellt sich jeder Rattenhalter diese Fragen. Wenn Verhaltensweisen nicht richtig gedeutet werden können oder sich augenscheinlich überhaupt keine Ränge ausfindig machen lassen, erzeugt das beim Halter oft große Fragezeichen. Dabei lohnt es sich, etwas näher hinzuschauen und einige Grundlagen über Hierarchie-Strukturen bei Ratten zu kennen.

 

Ernst oder Spiel? Dominanz oder nicht? Gerade Anfänger haben Schwierigkeiten, Rattenverhalten richtig zu deuten.

 

Allgemeines zu Gruppentieren

Vorteile des Lebens im Sozialverband

Das Leben im Sozialverband ist Ergebnis eines evolutionären Anpassungsprozesses an die jeweilige ökologische Nische. Die Vorteile eines Gruppenlebens überwiegen bei Ratten die Nachteile. Je nach Tierart sieht das freilich anders aus, weshalb diese dann einzeln (solitär) oder paarweise (saisonal oder permanent) leben.
In Gruppen sinkt die individuelle Wahrscheinlichkeit, von Räubern getötet zu werden (Prädationsrisiko). Zudem erhöht sich die Wachsamkeit mit der Zahl der Augen und Ohren. Die einzelnen Gruppenmitglieder haben so mehr Zeit, sich der Nahrungssuche zu widmen. Wobei es in einer Gruppe auch leichter ist, Nahrung zu finden, zu verteidigen oder Informationen über Lage und Qualität von Nahrung weiterzugeben. Die Möglichkeit, in so genannten "Kuschelgruppen" Energie bei der Wärmeproduktion zu sparen, ist ebenso Vorteilhaft wie Kooperationsbeziehungen.
Wichtige Nachteile des Gruppenlebens liegen in der Nahrungskonkurrenz und der Nahrungsverfügbarkeit, welche die Streifgebiete notwendigerweise vergrößern (erhöhter Energieverbrauch und stärkeres Prädationsrisiko). Zudem können sich Krankheiten unter den Tieren leichter ausbreiten (Kappeler 2006, S.486ff.).

Die drei Hauptformen der Hierarchie

Rangordnung, auch als Dominanzhierarchie oder soziale Hierarchie bezeichnet (eng.: rank order, ranking order, dominance order), kommt in drei Hauptformen vor:

  • lineare Hierarchie
  • Despotie
  • zirkuläre Dominanzbeziehung

Eine lineare Hierarchie liegt vor, wenn ein Individuum alle anderen einer Gruppe dominiert, das zweite Tier alle außer das erste und so weiter, bis zum letzten in der Hierarchie, der von allen anderen dominiert wird. Lineare Hierarchie ist im mathematischen Sinne immer transitiv, d.h. wenn Tier A das Tier B dominiert und Tier B das Tier C, dominiert A auch automatisch Tier C.

Bei nicht-linearen Hierarchien können zwei Grundformen auftreten:
Bei der Despotie dominiert ein Tier alle anderen, wobei diese Unterlegenen untereinander gleichrangig sind. Das kommt aber eher selten vor. Meist bilden sich auch unter den subdominanten Tieren Ränge aus. Die Dominanzverhältnisse in den gleichgeschlechtlichen Gruppen männlicher Mäuse oder Meerschweinchen kommen der Despotie sehr nahe (Gattermann 2006, S.65f.).
Bei der zirkulären Dominanzbeziehung dominiert A > B und B dominiert C, aber C dominiert A. Die Möglichkeit derartiger Beziehungen steigt mit der Anzahl der Mitglieder in einer Gruppe (Chase, Tovey et al. 2002, S. 5744).

 

Mögliche Hierarchieformen

 

Allgemein wird das ranghöchste Tier als Alpha-Tier bezeichnet. Ihm folgen Beta-Tier und Gamma-Tier usw. Am Ende der Rangskala steht jeweils das Omega-Tier. Mit der Statushöhe nimmt die jeweilige soziale Aktivität der Tiere ab (vgl. Adams, Boice 1983, S.30).

 

Dominanzhierarchien bei Ratten

Um Dominanzhierarchien zu rekonstruieren, werden üblicherweise dominante bzw. aggressive Verhaltensweisen beim aufeinander treffen zweier Tiere in der Kolonie ausgezählt und in Form von Sieg und Niederlage den einzelnen Individuen zugerechnet. Je zahlreicher die gezählten Siege und je niedriger die gezählten Niederlagen eines Tieres sind, desto höher steht es in der Hierarchie und umgekehrt.
Zu den gezählten Verhaltensweisen gehören Beißen, Jagen, Drohen, auf dem Rücken fixieren (meist wird erst ab einer bestimmten Dauer das Fixieren als Sieg resp. Niederlage gewertet), offensichtliches Ausweichen, Überkriechen sowie das vom Futter/Wasser Wegdrängen. Je nach Erkenntnisinteresse werden weitere Verhaltensweisen als Indikatoren hinzugenommen (als Beispiel sei hier vorab schon das "passing"-Verhalten genannt. Mehr dazu weiter unten zum Thema Dominanz unter Weibchen). Für Gegenproben können zudem auch freundliche Verhaltensweisen gezählt werden, wie gemeinsames Essen oder friedliche Begegnungen.

Es gibt zwar zahlreiche Studien zu Dominanzbeziehungen bei Ratten, aufgrund unterschiedlicher Wahl der Indikatoren, unterschiedlicher Gruppengrößen und Geschlechterzusammensetzungen sind diese jedoch nur schwer miteinander vergleichbar (Adams,Boice 1983, S. 24).
Was Rattenhalter oftmals schon selbst beobachten konnten - oder eben nicht: Rattenrudel haben nicht notwendigerweise eine lineare Dominanzhierarchie. Neben weichen Faktoren wie Charakter oder Sympathien / Antipathien formen und beeinflussen auch Gruppengrößen, Altersstrukturen und Umweltbedingungen wie Käfig und Auslauf die Dominanzbeziehungen.
Durch Integrationen, durch die unterschiedliche Herkunft der Tiere und damit deren Erfahrungen, und durch das Halten von Kastraten mit weiblichen oder männlichen Tieren - alle Bereiche sind wissenschaftlich gesehen völlig blinde Flecken - sind Heimtierhalter was mögliche Gruppendynamiken betrifft den Untersuchungen um einiges voraus. Einige grundlegende Funktionen und Tendenzen - vor allem bei den jeweiligen Geschlechtern - lassen sich aus den Untersuchungen dennoch gut ableiten.

 

Rangordnung zwischen den Geschlechtern

Das Halten gemischtgeschlechtlicher Rudel ist ein "No-Go" und verbietet sich. Dies ist allerdings kein Thema in den Studien. Im direkten Vergleich lassen sich die unterschiedlichen Strukturen der Geschlechter gut verdeutlichen, weshalb sie an dieser Stelle beschrieben werden.
Grundsätzlich sind Dominanzbeziehungen häufig geschlechtsspezifisch, weil sie unterschiedliche Funktionen erfüllen. Während bei männlichen Tieren Dominanzhierarchien oft territorial und durch den Zugang zu Weibchen motiviert sind, vermitteln sie bei Weibchen den Zugang zu Nahrung. Nahrung spielt bei Weibchen eine größere Rolle, da sie mehr Energie in die Fortpflanzung investieren müssen (Kappeler 2006, S.158 u. S.262).

Selbstverständlich kommt es in einer Rattenkolonie zu vielfältigen Interaktionen zwischen den Geschlechtern, Beispielsweise am Futter- oder Schlafplatz. Dominante Weibchen greifen durchaus auch männliche Eindringlinge an. Dies umso mehr, wenn sie Nachkommen schützen müssen. In stabilen Gruppen dulden sie aber auch Ratten beiderlei Geschlechts im Nest (Barnett 1963, S. S.84). Dominante aggressive Verhaltensweisen, wie sie bei Männchen als Indikatoren herangezogen werden, werden von Weibchen jedoch selten und/oder sehr wechselhaft gezeigt, so dass sich keine statistisch signifikante (nicht zufällige) und stabile Rangordnung ableiten lässt. Vielfach wird das mit dem Zyklus der Weibchen und den damit einhergehenden Hormonschwankungen begründet.
Da sich sich Dominanzhierarchien männlicher Ratten von denen weiblicher Tiere unterscheiden (vgl. hierzu Adams/Boice 1983, S. 30 u. 32), werden die Sozialstrukturen - zum Teil auch in gemischtgeschlechtlichen Untersuchungsgruppen - getrennt untersucht und analysiert.
Üblicherweise sind aber ausschließlich männliche Tiere das Ziel wissenschaftlichen Interesses, da es bei männlichen Tieren keine Hormonschwankungen gibt, die gezählten (aggressiven) Verhaltensweisen stabiler auftreten und damit die Ergebnisse "belastbarer" sind.

 

Rangordnung bei Männchen

ADAMS und BOICE haben 1983 die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, bei der sie eine gemischtgeschlechtliche Rattenkolonie über einen Zeitraum von 15 Monaten in einer halbnatürlichen Umgebung beobachtet haben. Ich werde im Folgenden die Ergebnisse genauer wiedergeben, weil sie m.E. sehr anschaulich die Entwicklungsphasen und die Vielfalt möglicher Hierarchien zeigen.

Zu Beginn hatten die Tiere ein Alter von 6 ½ Wochen. Zur Entwicklung von Dominanzhierarchien konnten fünf Phasen unterschieden werden:

1.-3. Monat:
Die Männchen trugen Spiel-/Scheinkämpfe miteinander aus, wobei Sieger und Gewinner sich abwechselten. Zu diesem Zeitpunkt entwickelte sich keine stabile Hierarchie (S. 26f.).

3.-4. Monat:
Ab einem Alter von etwa 5 Monaten entwickelten sich asymmetrische Dominanzbeziehungen ("soziale Reife"/"social maturity"). Ein Männchen begann mit eindeutig aggressiven Verhaltensweisen. Die anderen vermieden den Kontakt mit ihm oder verhielten sich unterwürfig.
Das dominante Männchen wurde auch außerhalb des Baus aktiver und begann zu "patroullieren". Es gab nun also ein Alpha-Männchen und mehrere Beta-Männchen, die zwar Kämpfe gegen das dominante Tier verloren, aber weiter sozial aktiv blieben. Zudem gab es auch ein Omega-Männchen, welches Sozialkontakte vermied und stark an Gewicht verlor. Es starb am Ende dieser Phase zwei (S. 27f.).

4.-6. Monat:
Das dominante Männchen erkrankte und zog sich in den Bau zurück. Es begannen Kämpfe zwischen den Beta-Männchen in dessen Verlauf sich eines behaupten konnte. Als das erkrankte Männchen wieder aus dem Bau kam, wurde es attackiert und starb am darauf folgenden Tag.
Wegen der Todesfälle wurden zwei gleichaltrige Männchen in die Kolonie gesetzt, die ebenfalls, hauptsächlich von dem neuen Alpha-Männchen, angegriffen wurden (S. 28f.).

6.-10. Monat:
Mit dem nun vorhandenen Nachwuchs änderte sich wenig an der Sozialordnung. Diese Phase, in der die Jungtiere noch Spielkämpfe ausüben und die erwachsenen Männchen bereits eine Ordnung entwickelt haben, ist die stabilste. Es ist eine lineare Hierarchie feststellbar (S. 29ff.).

10.-14. Monat:
Die fünfte Phase begann, als die zweite Generation an Jungtieren mit einem Alter von etwa 160-180 Tagen die "soziale Reife" ("social maturity") erreichten, in der asymmetrische Dominanzbeziehungen anfangen aufzutreten. Sie etablierten innerhalb weniger Tage eine Dominanzhierarchie, wobei Interaktionen mit dem Alpha-Männchen der ersten Generation nicht beobachtet wurden (S. 31).

Ich möchte noch mal darauf hinweisen, dass diese Studie mit einer gemischtgeschlechtlichen Rattenkolonie durchgeführt wurde. Das Aggressionspotenzial potenter männlicher Tiere steigt deutlich, wenn sexuell aktive Weibchen in der Gruppe sind (Adams, Boice 1983, S. 25). Die Erfahrung von Rattenhaltern bezüglich sehr harmonischer und friedlicher Böckchengruppen, bei denen auch nicht immer Hierarchien erkennbar sein müssen, sind sicherlich diesem Umstand geschuldet.
Interessant ist hier neben den wechselnden Hierarchieformen vor allem auch das Auftreten asymmetrischer Dominanzbeziehungen bei Böcken ab einem Alter von etwa 5 Monaten, sowie die Stabilität altersstrukturierter Rudel.

 

Rangordnung bei Weibchen

Durch die Beobachtung klassischer aggressiver Dominanzverhalten (Unterwerfen, Kämpfe, usw.) scheinen sich Dominanzbeziehungen unter Weibchen nicht immer gut rekonstruieren zu lassen. Hormonschwankungen aufgrund des Zyklus beeinflussen und verändern Verhaltensweisen. Weibchen beteiligen sich zwar an Interaktionen, aber viel zu unregelmäßig, als das nachvollziehbare Dominanzhierarchien aufgestellt werden könnten (vgl. Berdoy et al 1995, S.196). Zudem reagiert bei einem Kampf das unterlegene Weibchen nicht notwendigerweise mit Flucht, wie es bei männlichen Tieren beobachtet wird. Es kann durchaus sein, dass es sich mit Bissen wehrt und die Kampfrunde von neuem beginnt (Adams, Boice 1983, S.39).

Einzeldominante Alpha-Weibchen können allerdings immer wieder beobachtet werden, die weiteren Beziehungen bleiben jedoch oft unklar. Da man aber davon ausgeht, dass auch weibliche Ratten eine stabile Sozialordnung aufbauen, wählten ZIPORYN und McCLINTOCK (1991) einen neuen Ansatz, um diese zu untersuchen. Sie achteten auf ein häufig auftretendes Verhalten, welches als "passing" (aneinander vorbeigehen) bezeichnet wird. Ursprünglich ist das Verhalten eine Anpassung an ein Leben im Bau. Begegnen sich in den Gängen zwei Tiere, entsteht eine Art "Vorfahrts-Dilemma". Es besteht nun die Möglichkeit, dass ein Tier umdreht und in die andere Richtung läuft, oder beide versuchen sich aneinander vorbeizudrängeln, wobei es auch zum Über- oder Unterkriechen kommt - beides wird mit möglichst viel Bodenkontakt ausgeführt. In diesem Sinne kann es sich bei "passing", ähnlich wie beim bekannteren Überkriechen, um eine Art Verhandlung um das Wegerecht handeln, bei der die dominante Ratte die "Vorfahrt" erhält und somit gewinnt. Die "Verliererin" bleibt während des Vorbeigehens der dominanten Ratte stehen oder wechselt die Richtung. Weil sowohl "passing" als auch Überkriechen Dominanz signalisieren, wurden sie von den Wissenschaftlern als "en-passant"-Verhaltensweisen bezeichnet. Der Ausdruck ist dem Schachspiel entlehnt, bei dem "im Vorbeigehen" ein Bauer den anderen schlagen kann (Ziporyn, McClintock 1991, S.27f.). Ratten zeigen diese Verhaltensweisen übrigens auch dann, wenn genug Platz zum Ausweichen wäre (mehr zum "passing"-Verhalten siehe hier).

Im Ergebnis können mit dem "passing"-Verhalten Dominanzbeziehungen zwischen Weibchen festgestellt und lineare Hierarchien nachvollzogen werden. Für die Forscher ist dies jedoch nur der erste Schritt, um auf diese Weise die "vielfältigen Formen der Sozialordnung weiblicher Ratten zu untersuchen." (Ziporyn, McClintock 1991, S. 39 / eigene Übersetzung).

 

Zusammenfassung

Wir können folgendes festhalten:

  • es können sich je nach Alter und Gruppenzusammensetzungen unterschiedliche Hierarchieformen bilden, die bei Männchen für uns oft deutlicher sichtbar sind als bei Weibchen
  • männliche Tiere entwickeln erst ab einem Alter von etwa 5 Monaten asymmetrische Dominanzbeziehungen ("social maturity")
  • weibliche Tiere zeigen subtilere, für Mensch nicht zwingend offensichtliche, Verhaltensweisen, um eine Sozialordnung aufzubauen bzw. aufrecht zu erhalten, wobei dominante Alpha-Weibchen nicht ungewöhnlich sind

Ich denke, dass die beschriebenen Grundlagen, Untersuchungen und Indikatoren das grundsätzliche Verständnis für mögliche Rudelstrukturen unserer Tiere etwas erhellen und zudem genug Anhaltspunkte liefern, etwas genauer hinzuschauen. Nicht zuletzt muss man darauf hinweisen, dass das Durchsetzen von Rangordnungen in den Hintergrund rückt, je harmonischer und freundschaftlicher ein Rudel ist. So sind anhaltende Rangordnungskämpfe auch bei Böckchengruppen keineswegs normal, sondern Zeichen für Stressfaktoren, dessen Ursachen man auf den Grund gehen sollte.

 

Für die vollständigen Quellenangaben siehe Verhaltenskatalog > Quellen (Direktlink)

 

zurück zur Artikelübersicht