...oder wie intelligent sind Ratten?

 

Wenn man Rattenfreunde fragt, was sie an den kleinen Nagern so sehr mögen, wird ganz häufig ihre Intelligenz genannt. Sogar Menschen die Ratten ganz und gar nicht mögen, ringen sich ein „...aber intelligent!“ ab. Wenn ich meine Jungs im Auslauf dabei beobachte wie sie sich an Futterbeschäftigungen versuchen, sieht ihre Problemlösungsstrategie allerdings nicht sehr intelligent aus. Sie probieren viel herum und sind damit am Ende erfolgreich. Sie scheinen jedoch keine Idee von Ursache und Wirkung zu haben oder können gar bestimmte Mechanismen durchschauen. Allein das Intelligenzspielzeug anders hinzustellen führt dazu, dass sie neu probieren müssen, um es zu öffnen.

Evolutionär betrachtet ist das sinnvoll. Anstatt in ein komplexes Gehirn zu investieren, was immer auch viel Energie benötigt, wurden Ratten mit einem ebenso einfachen wie genialen „Programm“ ausgestattet: Hartnäckigkeit.
Rattenhalter kennen diese Eigenschaft sehr gut bei ihren Tieren (meist wenn es darum geht, Auslaufbegrenzungen zu überwinden oder Nagearbeiten an der Tapete zu vollenden). Als Art sind Ratten damit wie wir wissen enorm erfolgreich.
Was aber ist dran an der „klugen Ratte“ und was ist Intelligenz?

 

Gegner und Mythos

„Keine Intelligenzbestie“ oder „Das Märchen von der hochintelligenten Ratte“ titelte vor einigen Jahren die überregionale Tageszeitung DIE WELT. In den Artikeln wurde erläutert, weshalb es so schwer sei, wilde Ratten zu fangen und dass ihre Vorsicht allein sie noch nicht intelligenter als andere Tiere machen würde. Scheinbar ist vor allem dieser Umstand des schlecht fangen und bekämpfen Könnens, welcher wohl zu einer magischen Verklärung von Ratten führte. Dabei liegt es nicht an ihrer Intelligenz, sondern an ihren Fähigkeiten, weshalb Ratten verhältnismäßig schlecht Gifte aufnehmen. Jede Ratte kann aufgrund ihres hervorragenden Geruchssinnes an ihren Artgenossen riechen, was diese zuletzt gefressen haben. Neben dem, was Ratten also schon von ihren Müttern an Nahrung kennen, können sie sich so durch soziales Lernen relativ gefahrlos neue Nahrungsquellen erschließen, die sie ohne diese Kenntnis eher meiden würden. Zudem können sie schnell eine Verbindung zwischen Gegessenem und eigenem Wohlbefinden ziehen. Vielfach werden zunächst kleine Mengen des unbekannten Futters gegessen und anschließend abgewartet, wie es ihnen bekommt.  Bei Ratten gibt es übrigens keine Tiere, die vom Rudel als sog. „Vorkoster“ eingesetzt werden. Jedes Tier lernt von anderen Ratten, die entweder besonders mutig oder leichtsinnig sind. Dabei sind Ratten mit Ernährungsdefiziten risikofreudiger. Gut genährte Tiere dagegen bleiben Neuem gegenüber kritischer.

Die große Vorsicht gegenüber neuem Futter sowie das soziale Lernen diesbezüglich wurde vor allem durch eine vom Menschen verursachten Mini-Evolution forciert. Während leichtfertige Naschratten eher Rattengiften zum Opfer fielen, konnten die vorsichtigen Verwandten ihre Charaktereigenschaft an ihre Nachkommen weitergeben.

 

Was ist eigentlich Intelligenz?

Eine verbindliche oder einheitliche Definition von Intelligenz gibt es nicht. Auf der wissenschaftlichen Seite vermeidet man ihn deshalb lieber, weil nur etwas untersucht und nachgewiesen werden kann, was auch definierbar ist. Das Gehirn und seine Prozesse und Leistungen geben tatsächlich noch viele Rätsel auf. In der Kognitionsforschung versucht man hier Licht ins Dunkel zu bringen. In dieser wissenschaftlichen Querschnittsdisziplin werden alle Fragen der Informationsgewinnung und Informationsverarbeitung bei menschlichen und nichtmenschlichen Tieren untersucht. Ob etwas als intelligent zu bezeichnen ist, wird dagegen überwiegend abseits der Wissenschaft entschieden. Nur in Bezug auf den Menschen haben sich schon früh Intelligenztests entwickelt, die sich bei genauerem Hinsehen und mit zunehmender Kenntnis allerdings als „wenig intelligent“ herausgestellt haben. Und die Probleme der Übertragbarkeit für die Nachweisbarkeit bei Tieren bleiben bestehen.

Das Wort Intelligenz leitet sich aus dem lateinischen inter „zwischen“ und legere „lesen, wählen“ ab. Intelligenz ist „die Fähigkeit, Wahrnehmungsinhalte und Gedächtnisspuren auf gegenstands- und problemgerechte Weise neu zu kombinieren und gegebenenfalls entsprechend zu verknüpfen.“ Intelligentes Handeln ist also das Wählen zwischen und das Entdecken neuer Möglichkeiten. Notwendig hierfür sind Wahrnehmung (Sinnesleistungen) und Gedächtnis (Gehirnleistung).

 

Die Sinnesleistungen der Ratte

Ratten nehmen ihre Umwelt nicht wie wir Menschen war. So hören und kommunizieren sie zum Teil im für uns nicht hörbaren Ultraschallbereich. Dennoch können sie natürlich auch uns hören und auf Kommandos reagieren. Sie erkennen „ihren“ Menschen an der Stimme und können sogar Sprachen unterscheiden.

Der Geruchssinn der Ratten ist sicher der schärfste aller Rattensinne. Ratten haben mehr Geruchsrezeptoren als Hunde und können Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand, Rang und genetische Verwandtschaft an ihren Artgenossen riechen und Individuen identifizieren. Bei einer duftenden Futterquelle können sie orten, aus welcher Richtung genau der Geruch kommt. Menschen nutzen diese Fähigkeit und setzten Ratten als „Spürhunde“ ein oder erproben ihren Einsatz, um Krankheiten beim Menschen festzustellen. Über unzählige eigene Drüsen kommunizieren Ratten auch mit ihren Artgenossen.

Ein ebenso wichtiger Sinn ist das Fühlen. Die Tasthaare einer Ratte sind extrem empfindlich und vergleichbar mit der Empfindlichkeit unserer Fingerspitzen. Sie können ihre Vibrissen in unterschiedliche Richtungen bewegen, verschiedene Oberflächen unterscheiden und auch Vibrationen spüren. Tasthaare sind für Ratten fundamental wichtig, weshalb das absichtliche Verkrüppeln der Tasthaare bei einigen Züchtungen (Rex-Ratten, Nacktratten) tatsächlich nichts anderes als eine barbarische Verstümmelung darstellt, ähnlich, als würde man uns die Finger entfernen oder verkrüppeln.

Was wir Menschen als „Augentiere“ dagegen immer wieder vergessen ist, dass Ratten gar nicht besonders gut sehen können. Ihr Bild ist 20mal unschärfer als das unsere und sie können zwar Farben wahrnehmen, die Unterscheidung fällt ihnen jedoch schwerer. Es muss jedoch beachtet werden, dass Rattenaugen extrem lichtempfindlich sind. Sie können feinste Helligkeitsunterschiede wahrnehmen und im Halbdunkel mehr erkennen als wir Menschen. Um nachhaltige Augenschäden zu vermeiden, wird für die Haltung von Ratten eine Beleuchtungsstärke von 400-500 lx empfohlen. Das entspricht einer normalen Zimmerbeleuchtung. Zum Vergleich: ein bedeckter Sommertag hat 20.000lx! Soviel zum Thema Ratten mit nach draußen nehmen und „die wollen sicher auch mal in die Sonne“ - Ratten sind dämmerungs- und nachtaktive Tiere, deren Sinne sich auf diese Bedingungen eingestellt haben. Sie vermeiden nach Möglichkeit direkte Sonne und suchen sich sogar bei vermeintlich gemütlicher Wohnzimmerbeleuchtung noch Schattenplätze.

 

Was passiert im zwei Gramm schweren Rattengehirnchen?

Viele Informationen, die Ratten aus ihrer Umwelt über ihre Sinne erhalten, sind nicht wichtig genug, um sie sich lange zu merken. Im Kurzzeitgedächtnis wird entschieden, ob die Information relevant genug ist, um sie im Langzeitgedächtnis dauerhafter abzulegen. Lernfähigkeit und Erinnerungsvermögen sind also weitere Grundlagen für intelligentes Verhalten. Dabei werden Informationen auf unterschiedlichen Wegen in unterschiedlichen Gehirnarealen gespeichert.

Unterteilt wird das Langzeitgedächtnis in das unbewusste Gedächtnis für Handlungen und das bewusste Gedächtnis für Fakten und Ereignisse. So werden zum Beispiel konditionierte Handlungen im unbewussten Gedächtnis abgelegt. Bei der Konditionierung wird ein Ereignis mit einem darauf folgenden Ereignis verknüpft bzw. in Zusammenhang gebracht. Die operante Konditionierung in Form von Klickertraining wird auch bei Rattenhaltern immer populärer und die Tricks die man Ratten beibringen kann, verblüffen Zuschauer immer wieder. Die Lerngeschwindigkeit bei der (operanten) Konditionierung wird in der Wissenschaft gerne als ein Maß für geistige Fähigkeiten herangezogen, über Intelligenz sagt jedoch weder die Konditionierung an sich noch die Lerngeschwindigkeit etwas aus. Genau wie mehr Wissen nicht zu mehr Intelligenz führt, hat auch die Konditionierung nichts mit Intelligenz zu tun. Erst recht nicht, wenn man eingangs zitierte Definition heranzieht. Die Tiere brauchen Freiheitsgrade oder Wahlmöglichkeiten, um intelligente Entscheidungen zu treffen. Das bloße abspulen beigebrachter Verhaltenssequenzen aufgrund eines Reizes (ein Kommando oder Gegenstand) gehört nicht dazu. Darüber hinaus kann auch die Lernmotivation trotz hoher Intelligenz relativ niedrig sein kann. Raben zum Beispiel lassen sich sehr schwer konditionieren, fallen jedoch durch geistige Leistungen auf, die viele Säugetiere in den Schatten stellen. Gleiches gilt für Katzen, die in der Kognitionsforschung wegen ihrer nahezu störrischen Eigenwilligkeit regelrecht gemieden werden (ein Glück für die Katzen, möchte man hinzufügen!). Konditionierte Lerninhalte werden in einem Gehirnareal abgespeichert, welches man auch als emotionales Gedächtnis bezeichnet. Unabhängig von den „Tricks“, die Menschen ihren Tieren beibringen können, sind Emotionen sicher die wichtigsten Entscheidungsgrundlagen für Rattenverhalten - und die Gefühlswelt der Ratten ist reich an Emotionen. Sind ihre Artgenossen in Bedrängnis, empfinden sie Mitleid und treffen sie eine falsche Entscheidung, bedauern sie diese. Ratten können Spaß und Glück empfinden und in tiefe Depressionen verfallen.

Im bewussten Langzeitgedächtnis werden unter anderem Ereignisse gespeichert, die sich an das eigene Erleben knüpfen. Das Abrufen solchen selbst erlebten Wissens kann für zukünftige Handlungen extrem vorteilhaft sein. Nach neusten Annahmen geht man davon aus, dass sich Ratten nicht erinnern, wann sie wo etwas erlebt haben, um Schlussfolgerungen für die Zukunft zu treffen. Sie nutzen dafür vielmehr die Intensität ihrer Erinnerung. Bei einer starken Erinnerung ist wenig Zeit vergangen, bei einer schwachen Erinnerung ist viel Zeit vergangen. Damit wissen sie, wann Oma wieder in den Park zum Entenfüttern kommt oder der Gurkenschäler von der Arbeit.

Und wie lange erinnern sich Ratten an das Erlernte? Einige Wochen? Einige Monate oder ihr ganzes Leben lang? Man weiß es nicht - und es kommt darauf an. Klar ist, Emotionen bleiben länger im Gedächtnis als Erlebnisse und als „Nasentiere“ sind Ratten für geruchliche Erinnerungen sicher besonders empfänglich. Der olfaktorische Cortex gilt als das ursprüngliche emotionale Zentrum des Gehirns und hat sich vermutlich schon vor dem Hören und Sehen entwickelt. Man weiß nur, dass junge Ratten besser lernen als alte, glückliche Ratten besser als unglückliche und je regelmäßiger und länger die Tiere Erlerntes anwenden müssen, desto länger erinnern sie sich.

Ein anderer Ansatz, Intelligenz zu messen, war und ist das Vermessen des Gehirns. Es wird sein Volumen bestimmt, sein Gewicht gemessen und die Masse in Relation zur Körpergröße gesetzt. Ist das absolute Gewicht entscheidend oder das Verhältnis des Gewichts zur Körpergröße? Für alle Annahmen gibt es Belege und für alle Belege dutzende Ausnahmen.

 

Die perfekte Ratte

Mit all diesen Ausführungen zu den kognitiven Fähigkeiten der Ratte kommen wir ihrer Intelligenz nicht auf die Spur. Wir müssen feststellen, dass wir die Intelligenz bei Tieren eigentlich weder richtig verstehen noch richtig untersuchen, geschweige denn definieren und messen können. Es spricht jedoch viel dafür, dass es sich bei der bewunderten Rattenintelligenz eigentlich vielmehr um arttypische Charaktereigenschaften und Fähigkeiten handelt.

Der Ratte, mit ihrem 2 Gramm schweren Gehirn, kann es egal sein. Sie ist als Individuum und als Spezies absolut perfekt. Sie hat genau die richtigen Eigenschaften und Fähigkeiten, um in ihrer Welt bestehen zu können. Sie ist an den richtigen Stellen neugierig und bei den entscheidenden Punkten äußerst vorsichtig. Sie verfolgt ihre Interessen sehr hartnäckig. Sie kann sich für sie Relevantes merken und hat ein reiches Sozialverhalten - und sie mag es, mit ihrem Menschen zu interagieren.
Sie ist perfekt, genau so wie sie ist.

 

Lesetipp:

Burn, Charlotte C. (2008): What is it like to be a rat? Rat sensory perception and its implications for experimental design and rat welfare. In: Applied Animal Behaviour Science 112 (1–2), S. 1–32. DOI: 10.1016/j.applanim.2008.02.007.