(engl.: attack, offensive bite/ defensive bite, defensive attack pattern) Wildlebende Ratten kommen selten in die unglückliche Lage längerer Auseinandersetzungen, die ausgefeilte Kampftechniken erfordern und bei denen das Risiko von Bisswunden erheblich steigt. Zusammenstöße werden schlicht und einfach mit der Flucht eines Tieres beendet. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Forscher bei Freilandbeobachtungen das Beschreibungsfeld für Kämpfe wegen fehlender Beobachtung solcher Situationen leer lassen (vgl. Takashi/Blanchard 1982, S.62).

Bei unseren Farbratten sieht das etwas anders aus. Durch notwendige Integrationen und das Leben in der menschlichen Behausung müssen sie sich ihren Gegenübern stellen und entwickeln häufig ausgefeilte Kampftechniken. Diese Auseinandersetzungen bringen das Risiko von Biss- oder durch die Zähne zugefügte Rißwunden mit sich.
Ein möglicher Auslöser für einen Angriff, und damit auch für Bisse, sind schnelle Bewegungen des anderen Tieres, zum Beispiel Flucht (vgl. Miczek/De Boer 2005, S.346). Erhöhtes Risiko für Bisse besteht auch bei Kampfstellungen wie seitlicher Angriff/boxen (ein Tier greift in seitlicher Haltung an während sich das andere Tier halbaufrecht boxend verteidigt) und beim auf den Rücken werfen (ein Tier wird auf den Rücken geworfen und durch das andere von oben fixiert) (vgl. Takashi/Blanchard 1982, S.55).
Grundsätzlich können alle Körperregionen Ziel von Bissen sein, allerdings gibt es einige Körperregionen, die besonders häufig betroffen sind. Angreifende Ratten versuchen überwiegend den hinteren Rückenbereich ihres Gegners zu erreichen. Aus diesem Grund entwickelten sich Verteidigungsstrategien, um diesen Bereich zu schützen und Angriffstrategien, um diesen Bereich zu erreichen (engl. "back-attack" und "back-defense"). Die Verteidigungsstrategie um den Rücken zu schützen erfolgt derart, dass das angegriffene Tier versucht, den Gegner in Kopf oder Schnauze zu beißen (vgl. Blanchard et al 1984, S. 309 und Takashi/Blanchard 1982, S.49).
Auch wenn kein Angriff erfolgt, kann man Tiere dabei beobachten, wie sie zu dem potenziellen Angreifer gehen und versuchen, ihn mit Bissen Richtung Kopf und Schnauze auf Abstand zu halten. Diese Bisse sind charakteristisch für verletzte, verängstigte oder defensive Tiere (vgl. Takashi/Blanchard 1982, S.60). Die unterschiedlichen Ziele von Angriffs- und Verteidigungsbissen lassen also Rückschlüsse über die Hierarchie in der Gruppe zu, und welches der Tiere dominant ist und welches eher verängstigt und damit defensiv.

Tipp: versucht eure Tiere bei Integrationen oder Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe hinsichtlich Angriffs- und Verteidigungsverhalten genau zu beobachten. Versetzt euch in die Lage des jeweiligen Tieres - wie würdet ihr in der jeweiligen Situation handeln, um den Rückenbereich zu erreichen oder diesen zu schützen? Das schult das Auge, ihr versteht die einzelnen Bewegungen während einer Auseinandersetzung besser und erlangt ein tieferes Verständnis für das Verhalten eurer Tiere. Sogar Fehlentscheidungen oder ungeschicktes Verhalten der Tiere sind dann erkennbar. Das wichtigste aber: ihr bekommt ein Gefühl dafür, wann eine Situation ernsthaft zu eskalieren droht und könnt gezielter eingreifen.

Die beiden schwarzen Böckchen befinden sich in Verteidigungs- bzw. Abwehrhaltung. Sie drohen mit einem Abwehrbiss in Richtung des Kopfes/der Schnauze des dominanten braunen Bocks. Dieser weiß um das Risiko und versucht beiden seine Flanke bzw. seinen hinteren Rückenbereich zuzudrehen.
Das schwarze Böckchen links befindet sich in Verteidigungshaltung und ist bereit, dem dominanten Bock rechts in das Gesicht bzw. die Schnauze zu beissen. Gleichzeitig schreit er den überlegenen an. Der braune Bock befindet sich hier in einer ungünstigen Lage, versucht aber dennoch seine Flanke in Richtung des unterlegenen Bocks zu drehen (auf dem Foto ist die Bewegung nicht sichtbar).