(engl. food theft) Beim Futterklauen versucht eine Ratte der anderen das Futter aus den Vorderpfoten zu entwenden. Üblicherweise nähert sich das Tier dabei von hinten an, drückt sich seitlich an dem zu bestehlenden Tier vorbei und schiebt seine Schnauze an die des anderen heran. Spätestens dann erfolgt ein Ausweichmanöver (engl. food dodge). Das Tier wendet sich mit kurzen Schritten oder Hüpfern ab. Dabei hält es das Futter noch in den Vorderpfoten oder hält es im Mund und nutzt die Vorderpfoten für das Ausweichmanöver (vgl. Whishaw/Tornie 1987, S.207; siehe auch untenstehende Abbildung "Futterklau und Ausweichmanöver"). Dabei handelt es sich um ein stereotypes Verhalten, was in der Regel immer nach diesem Muster abläuft. Es verändert sich nur, wenn die räumlichen Gegebenheiten keine anderen Bewegungen zulassen. So kann das Ausweichmanöver auch durch Rückwärtsgehen erfolgen oder der "Räuber" mit seitlichen Tritten (side kicks) auf Abstand gehalten werden (Whishaw/Tornie 1987, S.204).

Futterklau und Ausweichmanöver
Futterklau und Ausweichmanöver
Quelle: Whishaw/Tornie (1987), S.204

 

Rattenhalter können beobachten, dass Tiere, welche ein Futterstück ergattert haben, nicht immer anderen Tieren ausweichen, sondern sogar in deren Nähe laufen und dort anfangen zu fressen. Damit steigt das Risiko, dass ihnen das Essen wieder gestohlen wird. Es gibt Tiere, die trotz der Futterklau-Erfahrung, ihr "Leckerli" immer wieder in der Nähe anderer verzehren. WHISHAW und WHISHAW (1996) haben bei einer Freilandbeobachtung wild lebender Ratten ein Tier beobachtet, welches 27 Mal vom Futter zum Bau rannte, wo es immer wieder bestohlen wurde (vgl. Whishaw/Whishaw 1996, S.59).
Dies konnte auch wissenschaftlich rekonstruiert werden. So haben sich bei einem Versuchsaufbau, bei dem Futter nur auf einem Weg erreicht werden konnte, die Tiere sozial differenziert in "Räuber", die Nahrung durch Futterklau erwarben, solche, die ihr Futter in Sicherheit verzehrten sowie Tiere, die ihr Futter quasi als "Lieferanten" immer wieder (unbeabsichtigt) in die Nähe der "Räuber" brachten. Keines der Tiere verlor an Gewicht (vgl. Grasmuck/Desor 2002, S.76). Mehr dazu im Artikel Futtertransport.

Dass es beim Futterklau scheinbar nicht nur um bloße Dominanzbeziehungen zwischen Individuen geht, zeigen Beobachtungen, nach denen sogar schwächere Tiere versuchen, vermeintlich dominanten Tieren das Futter zu klauen, wenn auch ihre Erfolgsaussichten geringer sind. Manchmal bringt eine Annäherung im Team Erfolg, bei der mehrere Tiere das stärkere umringen und zumindest eines dann das Futter klauen kann (vgl. Whishaw/Whishaw 1996, S.59).

Unabhängig davon, dass es scheinbar "Lieferanten" gibt, die aktiv (aber unbeabsichtigt) die Beute in die Nähe möglicher "Diebe" bringen, ist Futterklau eine nicht unbekannte Strategie beim Nahrungserwerb. Bei Tauben wurde Futterklau als Taktik bei der Nahrungssuche beschrieben, welche bei in Gruppen lebenden Tieren vorkommt. Es handelt sich um das "producer-scrounger model" ("Produzent- Schnorrer Modell") bei dem ein Tier entweder "producer" oder "scrounger" ist, jedoch niemals beides gleichzeitig. Auch bei Ratten handelt es sich beim Futterklau vermutlich um eine Taktik des Nahrungserwerbs, die auch als Kleptoparasitismus bezeichnet wird (vgl. Grasmuck/Desor 2002, S.76).

Der rechte Bock versucht Futter zu klauen - erfolglos. Der linke dreht sich anschließend weg.
Der rechte Bock versucht Futter zu klauen - erfolglos. Der linke dreht sich anschließend weg.