(engl. food carrying) Rattenhalter können beobachten, dass ihre Tiere sich etwas Futter nehmen und den Ort der Futterquelle (üblicherweise ein Napf oder auch ein Beschäftigungsspiel) sofort wieder schnellstmöglich verlassen. Warum tun sie das? Wovon hängt das ab? Und warum bleiben einige einfach sitzen, während andere das Weite suchen?

Zur Klärung dieser Frage hat man wilde Ratten an einem Kanal in Straßburg beobachtet (siehe Whishaw/Whishaw 1996). Man ging ursprünglich davon aus, dass das Futter aufgrund möglicher Räuber schnell in Sicherheit gebracht werden soll. Allerdings liefen die Tiere häufig nicht in sichere Verstecke. Zudem waren die Laufstrecken auf vermeintlich unsicherem Terrain zum Teil länger, als es gedauert hätte, das Futter sofort zu verzehren. Auch blieben einige einfach sitzen, während andere das Futter sofort transportierten (vgl. Whishaw/Whishaw 1996, S.63).
Damit ist das Verhalten mit unseren Farbratten vergleichbar, die ihr Futter auch transportieren, obwohl es im heimischen Freilauf überhaupt keinen Feinddruck gibt.

Man geht davon aus, dass innerartliche Konfliktbeziehungen den Futtertransport begründen. Besonders an Futterstellen, die Rudelkollegen -in freier Natur auch rudelfremde Artgenossen- anziehen, können vermehrt Kämpfe um das Futter auftreten, so dass es sicherer ist, sich mit seiner Portion schnell wieder ein Stück zu entfernen. Dabei gibt es auch einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Größe des Futterstücks bzw. der Menge, die ein Tier in seinem Mund transportieren kann und der Transportwahrscheinlichkeit. Je mehr Futter und je länger damit die Fresszeit dauert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Futter transportiert und woanders gefressen wird (vgl. Whishaw/Whishaw 1996, S.56). Damit dient Futtertransport hauptsächlich der innerartlichen Konfliktvermeidung. Diese These wird durch die Beobachtung gestützt, dass dominante Tiere, die seltener Angriffe von Rudelmitgliedern befürchten müssen, auch durchaus am Futterort sitzen bleiben und direkt zu fressen beginnen (vgl. Whishaw/Whishaw 1996, S.60).

Da Ratten in ihren Strategien sehr flexibel sind, kann die Vermeidung von Räubern dennoch durchaus auch ein Grund des Futtertransportes sein, obgleich dies für die in Straßburg beobachtete Gruppe und für unsere Heimtierratten nicht zutrifft. Zwei weitere wichtige Funktionen des Futtertransportes sind:

  • Futterverteilung durch Futterklau
  • Weitergabe von Informationen (neue Futterquelle)

(vgl. Whishaw/Whishaw 1996, S.64).

Die Futterverteilung durch Futtertransport bringt erstaunliche Verhaltensweisen mit sich, deren Ursachen nicht zufriedenstellend geklärt werden können. Es gibt offenbar Tiere (das können Rattenhalter auch beobachten), die beim Futtertransport in die Nähe von Rudelmitgliedern laufen. Damit riskieren sie, dass ihnen das Futter gestohlen wird (siehe hierzu auch folgenden Abschnitt zum Futterklau). Auch wenn sie durchaus nicht beabsichtigen, bestohlen zu werden, fungieren sie bei Verlust des Futters de facto als "Lieferant".

Der Grund für dieses "Lieferanten"-Verhalten ist völlig unklar. Aus evolutionärer Sicht dürfte sich ein solches Verhalten überhaupt nicht durchgesetzt haben, da Futterklau für den bestohlenen ein eindeutiger Nachteil ist. GRASMUCK und DESOR vermuten, dass die Tiere jedoch in diesen Fällen primär die vermeintlich sicherere Zufluchtsstätte im Auge haben. Erst nach mehreren "Diebstählen" ändern sie das Verhalten und meiden den Dieb (vgl. Grasmuck/Desor 2002, S.76).

Die Wissenschaftler vermuten hinter der Rollenverteilung auch Indikatoren für die Sozialbeziehungen der Tiere untereinander. Ob jemand "Dieb" oder "Lieferant" (die Bezeichnungen dienen nur der Unterscheidung und beinhalten ausdrücklich keine Wertung!) ist, hängt so vermutlich von der sozialen Umwelt ab. Dazu gehört ganz klar auch die Gruppengröße.

Beim Nahrungserwerb spezialisieren sich einige Mitglieder auf die Suche, andere auf die Ausbeutung(durch Futterklau). Die Häufigkeit solcher Spezialisierungen erhöht sich mit der Zahl der Rudelmitglieder. Bei einer Untersuchung traten bei allen Gruppen mit 6 Tieren solche Spezialisierung in Lieferant und Futterklauer auf, jedoch nur bei 50% aller Gruppen mit nur 3 Tieren (vgl. Thullier et. al. 1992; S.18). Eine Verkleinerung der Gruppengröße führt damit zu mehr Transporteuren, also Tieren, die sich ihre Nahrung aktiv selbst suchen und zu weniger Futterdieben.
Ratten können diese soziale Rolle durchaus ändern (vgl. Grasmuck/Desor 2002, S.76).

Das verdeutlicht, dass das Sozialverhalten von Ratten zum einen flexibel, zum anderen aber deutlich komplexer ist, als manche glauben mögen. Dass sich mit der Anzahl der Rudelmitglieder in stärkerem Umfang soziale Rollen ausbilden, ist ein klares Argument für die Gruppenhaltung von Ratten, die viel zu oft leider immernoch nur zu zweit gehalten werden, denn:

"Das Verkleinern von Gruppengrößen beschränkt den Umfang möglicher Interaktionsarten pro Individuum, indem es die Möglichkeiten für das Erscheinen unterschiedlicher Verhaltensprofile verringert."

(Thullier et. al. 1992; S.20; eigene Übersetzung). Mit anderen Worten: die Abwechslung ist vielfältiger bei 3 Tieren, die 1 oder 2 "Transporteure" haben als bei der gleichen Gruppengröße, die nur aus "Transporteuren" besteht. Und die Chancen zur Bildung unterschiedlicher sozialer Rollen und damit auf Abwechslung steigen mit der Rudelgröße.