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Der Rattenauslauf oder -freilauf ist Dreh- und Angelpunkt der Rattenhaltung. Ratten sind keine
reinen Beobachtungstiere, die man ausschließlich in einem Käfig halten kann. Die Regel ist
einfach: ohne Auslauf, keine Rattenhaltung.
Leider wird das in den Sachbüchern nicht deutlich genug gemacht. Viele Halter erfahren erst im
Kontakt mit anderen Haltern, dass man Ratten Freilauf gewähren muss. Erstaunlicherweise gibt es
zwar epische Diskussionen um Mindestmaße bei Käfigen, nicht jedoch was Dauer und Größe
des Auslaufs betrifft. Man hält sich allenfalls an vage Andeutungen, die jedoch gerade dem
Anfänger keine wirklichen Anhaltspunkte geben. So passiert es leider immer wieder, dass vielen
Ratten allenfalls Auslauf auf einem Sofa, Tisch oder Bett "gestattet" wird. Hier sind noch viele
Diskussionen notwendig, damit "Auslaufrechner" den gleichen Stellenrang erhalten, wie
"Käfigrechner".
Da der Auslauf die Basis für eine sinnvolle Rattenbeschäftigung darstellt, habe ich mich dazu entschlossen, mehr zu den Grundzügen zu erläutern. Und als Novum wird hier erstmals eine Mindestgröße angegeben.
Dass Ratten neben der Käfighaltung auch Auslauf benötigen, leitet sich zum einen von der
Lebensweise ihrer wilden Verwandten ab, zum anderen aus ihren geistigen und körperlichen
Bedürfnissen.
Wildratten leben in einem geschützten unterirdischen Bau und suchen sich ihre Nahrung
in einem dazugehörigen Revier. Diese Zweiteilung strukturiert ihr Leben, welches bei den
domestizierten Tieren durchaus berechtigt nachgebildet wird. Daraus lassen sich übrigens auch
zwei weitere Anforderungen ableiten, die man bei der Haltung in menschlicher Obhut bedenken
sollte:
1. Einige Halter lehnen "Käfighaltung" ab und möchten, dass ihre Tiere frei in einem Zimmer leben. Dabei entspricht es durchaus dem Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit, einen festen Rückzugsort zu haben. Der Käfig sollte also vielmehr als natürlicher Rattenbau betrachtet werden und nicht als ungeliebtes Gefängnis. Dass Ratten selbstständig und freiwillig den Käfig am Ende des Auslaufs aufsuchen, zeigt, dass ein (artgerechter) Käfig keine "Bestrafung" darstellt. Der Halter hat natürlich die Möglichkeit, den Käfig permanent offen zu lassen, aber es sollte eben unbedingt ein Käfig (Schrankkäfig oä) vorhanden sein, der als Rattenbau fungiert.
2. Mit Nahrungserwerb im Revier verbringen Wildratten einen großen Teil ihres Lebens. Hier werden sie auch geistig und körperlich gefordert. Heimtiere werden in dieser Hinsicht arbeitslos gemacht, wenn ihnen Futter nur noch im Napf angeboten wird. Es ist also erforderlich, die Nahrungssuche mittels Beschäftigungs- und Intelligenzspielzeug nachzubilden.
Nicht zuletzt sind viele Klettergegenstände oder Beschäftigungsspielzeuge einfach zu groß, als dass man sie im Käfig unterbringen könnte. Zudem haben Ratten einen Bewegungsdrang, dem sie in einem Käfig schlicht nicht nachkommen können.
Ratten, die täglich Auslauf in ihrem gewohnten, sicheren und abwechslungsreichen Gebiet bekommen, entwickeln ihr wahres Wesen, welches wir so sehr an ihnen lieben: sie werden zu neugierigen und unternehmungslustigen Tieren. Und je öfter der Mensch am Auslauf teilnimmt, desto enger wird die Mensch-Tier-Bindung.
Während der Käfig als Rattenburg Geborgenheit bietet und als sicheres Rückzugsgebiet dient
(auch vor dem Menschen), bietet der Auslauf die notwendige Abwechslung. Hier ist ihr festes
und sicheres Revier, in dem die Tiere neue Dinge erkunden, ihren Kopf anstrengen, rennen und
toben und sich mit ihrem Menschen beschäftigen können.
Dafür müssen ihnen im Auslauf natürlich alle Möglichkeiten geboten werden, diese Fähigkeiten
und Verhaltensweisen auch auszuleben. Dazu gehören:
Mittlerweile gibt es für alle Bereiche eine umfangreiche Auswahl an Kaufprodukten. Je nach eigenen Fähigkeiten kann man die meisten Gegenstände aber natürlich auch selber basteln. In Bezug auf Rattenbeschäftigung wird das Interesse am sog. Klickertraining in den letzten Jahren größer (langfristig ist geplant, auch hierzu bei Rattenkultur Anleitungen und Beispiele zur Verfügung zu stellen).
Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten, Auslauf zu bieten:
Das Rattenzimmer
Nicht wenige Halter haben sich dazu entschlossen, ihren Tieren ein eigenes Zimmer
anzubieten. Häufig sind dies Großrudelhalter oder Mehr-Tierarten-Haushalte. In dem
Rattenzimmer wird häufig Dauerauslauf geboten, d.h. die Tiere können ihren Käfig jederzeit
verlassen bzw. aufsuchen.
Auslaufabsperrung, Klappauslauf
Bei der Auslaufabsperrung handelt es sich überwiegend um zusammenklapp-, -falt-, oder -rollbare
Trennwände, die (oft) in dem Zimmer aufgebaut werden, in dem sich der Käfig befindet.
Die Auslaufabsperrung soll dabei die Tiere davon abhalten, nicht-rattensichere Teile
(Kabel, Nischen) des Zimmers zu erreichen. Oftmals wird auch nicht das Laufgebiet
eingegrenzt, sondern es werden die unsicheren Bereiche ausgegrenzt.
Das rattensichere Zimmer
Im Unterschied zum Rattenzimmer wird hier ein Zimmer rattensicher gemacht, welches dem
Mensch auch als Wohn- oder Arbeitsbereich dient. Auch Badezimmer kommen oft zum Einsatz oder
Flure. Bei Flur und Bad ist auf eine ausreichende Größe zu achten. Auch ist es oft
zeitaufwändig, in beiden Räumen täglich Einrichtungs- und Beschäftigungsgegenstände auf- und
abzubauen.
Bei allen Varianten ist es für den Halter und für die Tiere sehr stressig, wenn bei der Sicherheit Abstriche gemacht werden. Ohne Schutzverkleidung oder Entfernung gefährlicher Gegenstände ist es nicht möglich, die Tiere dauerhaft von gefährlichen Stellen (Kabeln oder Nischen) abzuhalten. Es lohnt sich sehr, einmal mit möglicherweise viel Aufwand einen Raum/Bereich rattensicher zu machen, dafür dann aber in der restlichen Zeit entspannt den Auslauf mit den Tieren zu genießen. Gerade bei neuen/scheuen Tieren trägt es nicht zur Vertrauensbildung bei, wenn diese ständig von irgendwo oder irgendwas "abgepflückt" werden müssen. Zudem überträgt sich die ständige "hab-Acht"-Haltung des Halters auch auf die Tiere. Mit Auslauf zu warten, bis die Tiere zutraulich sind, kann unter Umständen lange dauern und würde ihre Lebensqualität erheblich beschneiden - ist also nicht zu empfehlen.
Grundsätzlich steigt mit der gemeinsamen Zeit, die man mit den Tieren verbringt, die
Tier-Mensch-Bindung. Möchte man dies, sollte man den Tieren Auslauf an einem Ort geben,
an dem auch Mensch seinen Lebensmittelpunkt hat und selbstverständlich auch Barrieren
(Auslaufabsperrung) vermeiden, damit die Tiere nach Lust und Laune direkten Kontakt mit
ihrem Menschen aufnehmen können. Hier wäre also bspw. ein Wohnzimmer zu empfehlen,
welches rattensicher gestaltet wird.
Für eine artgerechte Rattenhaltung ist ein enger Mensch-Tier-Kontakt selbstverständlich
nicht notwendig. Ob man also ein eigenes Rattenzimmer einrichtet oder die Ratten in den
eigenen Wohnbereich nimmt, hängt einzig von den Vorstellungen des Halters ab, wie er mit
den Tieren zusammenleben möchte.
Die Mindestdauer des Auslaufes sollte zwei Stunden nicht unterschreiten. Mehr ist auf jeden Fall besser. Junge Ratten (egal ob Jungs oder Mädels) haben keine Probleme, 3-4 Stunden am Stück zu toben. Aber auch ältere Tiere genießen den Aufenthalt in ihrem Revier und auch Schlaf- oder Entspannungsphasen sind kein Grund, den Auslauf nun zu beenden.
Bei einigen Haltern gibt es die Vorstellung, Ratten würden offene Flächen meiden und
aus diesem Grund wären vollgestellte und kleine Auslaufflächen besser. Das stimmt allenfalls bei
den wilden Verwandten, die auf Fressfeinde achten müssen. Farbratten dagegen nutzen auch
sehr gerne die freien Flächen in ihrem vertrauten Revier zum Toben und Spielen und es macht
wahnsinnig Spaß, ihnen dabei zuzusehen.
Die Auslauffläche sollte aus diesem Grund 6m² nicht unterschreiten. Mehr Quadratmeter sind
ratsam, weil sich dann Spiel- und Freiflächen in einem sinnvollen Verhältnis zueinander
gestalten lassen.
Wenn die Tiere keine Lust auf Auslauf haben, und gesundheitliche Ursachen dafür ausscheiden, kann es dafür verschiedene Gründe geben:
1) Die Tiere sind neu/jung und kennen das Revier noch nicht und haben Scheu, den Auslauf
zu betreten
Gewöhnung ist hier das Zauberwort. Mit Ruhe und Geduld sollten die Tiere täglich an den
Auslauf herangeführt bzw. gewöhnt werden. Nur zu Dingen, die sie kennenlernen können, entwickeln
Ratten vertrauen. Aus diesem Grund sollte der Auslaufort auch nicht ständig variieren.
Ratten sind sehr territoriale - also revierbezogene - Tiere.
2) Der Auslauf fand oder findet nicht regelmäßig statt
Ratten sind Gewohnheitstiere. Verlässliche regelmäßige Tagesabläufe kommen ihrem
Sicherheitsbedürfnis entgegen und helfen ihnen, sich auf das Erwartbare einzurichten.
Sie werden dann den Auslauf einfordern. Das können sie allerdings nicht, wenn der Auslauf
nur alle 2 oder 3 Tage und womöglich noch zu völlig unterschiedlichen Zeiten stattfindet.
3) Der Auslauf findet zu den falschen Uhrzeiten statt
Ratten sind dämmerungsaktiv. Wie wir Menschen haben auch Ratten ihren speziellen Biorhythmus,
den man beachten sollte. Der Auslauf sollte also zu den Aktivphasen morgens und oder abends
stattfinden. Tagesabläufe, die sich völlig gegen den natürlichen Biorhythmus richten sind nicht
gut und können sich - ebenso wie beim Menschen - negativ auf Gesundheit und Wohlbefinden
auswirken.
4) Der Auslauf bietet keine spannenden Beschäftigungsanreize
Gerade Anfänger machen den Fehler, Auslauf ohne jegliche Beschäftigungsanreize anzubieten
und wundern sich, weshalb die Tiere gelangweilt sind und/oder am Auslauf kaum Interesse
zeigen. Dabei werden Einrichtungsgegenstände wie Hütten oder Röhren oft als Spielzeug oder
Beschäftigung fehlgedeutet. Aber Stühle und Tische stellen für Menschen auch kein Spielzeug
dar - sehr wohl aber eine notwendige Grundlage; eine Struktur, die uns hilft uns wohlzufühlen
um dann zu arbeiten oder zu spielen.
Ebenso benötigen Ratten über die notwendigen Einrichtungsgegenstände hinaus sinnvolle und
dauerhafte Beschäftigungsranreize (Beschäftigungs- und Intelligenzspielzeug). Die Tiere
entwickeln durch die Erfolgserlebnisse, die sie durch Beschäftigungsgegenstände erfahren,
enormen Spaß - ein guter Grund also, den Auslauf aufzusuchen und nach spannenden neuen
Anreizen zu durchstöbern.
5) Es ist immer Auslauf
Ein besonderes Problem kann bei Haltern auftauchen, deren Ratten einen Dauerauslauf haben. Hier
befinden sich die Tiere nicht mehr notwendigerweise zur gleichen Zeit im Auslauf, sondern schlurfen
nach Lust und Laune einzeln nach draußen. Das kann dem Spaßfaktor abträglich sein, so dass sie sich
wieder relativ schnell in den Rattenbau begeben.
In diesem Fall ist es gut, die Tiere täglich zu einer festen Uhrzeit zu mobilisieren, so dass sich
alle im Auslauf treffen. Das kann man zum Beispiel gut mit einer abendlichen "Teilfütterung"
(nicht zu viel, damit nicht wiederum ein Verdauungsschläfchen sofort wieder in den Bau lockt) machen,
in dessen Anschluss der Mensch als Spielpartner im Auslauf bleibt und sich mit den Tieren
beschäftigt.
6) Die Tiere sind alt
Mit dem Alter steigt das Ruhebedürfnis. Das kann bei jeder Ratte und zwischen den
Geschlechtern durchaus unterschiedlich ausfallen. Während ein Rattenmädchen mit 2,5
Jahren noch lustig unterwegs ist, kann ihre Rudelkollegin ganz andere Vorstellungen von
Freizeitbeschäftigung haben. Sind sie an ihre Auslaufzeiten gewöhnt, schlurfen sie durchaus
noch gerne raus, laufen kurz ihr Revier ab (kurzer Überblick über den Neuigkeiten-Teil der
Tageszeitung) und suchen sich dann ein gemütliches Plätzchen. Das ist in Ordnung und
übrigens auch kein Grund, den Auslauf einzustellen, weil "sie dort eh nur schlafen".
Schließlich gehört auch das Dösen außerhalb des Käfigs zur Lebensqualität.
Wie bei alten Menschen ist es empfehlenswert, alte Tiere nicht völlig sich selbst zu überlassen,
sondern täglich anzusprechen und zu versuchen, sie sanft zur Bewegung und Beschäftigung
zu animieren.
Ratten können sehr hoch und weit springen (80cm sind kein Problem), sehr gut klettern (runde Metalltischbeine - selbstverständlich kein Problem) und sehr gut nagen. Zudem finden sie es auch super, überall hineinzukriechen und zu klettern. Man sollte den Rattenauslauf also durch die Augen einer Ratte betrachten, angereichert mit viel Unternehmungslust und Unsinn. Für Anfänger ist das allerdings recht schwierig. Und zur allgemeinen Beruhigung darf man auch sagen, dass die Fähigkeiten und Ambitionen von Ratte zu Ratte doch stark variieren. Ein Rattenbock, der in der Regel größer und schwerer wird als ein Weibchen, wird es irgendwann allein körperlich nicht mehr schaffen, dünne Lampenfüße oder Tischbeine hochzuklettern (weibliche Halter munkeln auch, dass die Herren der Schöpfung dafür auch viel zu bequem sind ;).
Auf folgende Gefahrenquellen sollte man achten:
Alle diese Gefahren sollten nicht unterschätzt werden. Über Stromschläge, Einfangaktionen und Abstürze gibt es zu viele leidvolle Berichte.
Keine Gefahren, aber beim Auslauf zu beachten, sind dem Menschen lieb gewonnene Dinge wie Tapeten, Fußleisten, Bücher oder anderer Nippes. Während die Wichtigkeit von Tapeten und Fußleisten gnadenlos überschätzt wird und Ratten uns da eines besseren belehren, kann der Verlust von Büchern oder dem Mitbringsel von Oma aus Bad Brambach doch schmerzen. Unter Beachtung der Spring- und Kletterkünste unserer Mitbewohner sollten diese Dinge also in Sicherheit gebracht werden.